Chefin der EU-Drogenagentur sieht KI als neuen Treiber des illegalen Drogenmarkts
Kurz & Knapp
- Die EU-Drogenagentur warnt, dass Kartelle Künstliche Intelligenz nutzen könnten, um neue illegale Wirkstoffe und chemische Vorprodukte zu entwickeln.
- Ähnlich wie in der Pharmaforschung sollen KI-Modelle dabei helfen, Molekülstrukturen vorherzusagen, die bestehende Verbotslisten gezielt umgehen.
- Steigende Sicherstellungsmengen und wöchentlich neu registrierte Substanzen belegen laut EUDA, dass sich Europa zunehmend vom Absatzmarkt zum Produktionsstandort für Drogen entwickelt.
Die Direktorin der EU-Drogenagentur sieht KI als zentralen Treiber eines sich rasant wandelnden europäischen Drogenmarkts. Dasselbe Prinzip, das die Wirkstoffsuche in der Pharmaindustrie beschleunigt, lasse sich auch für illegale Substanzen nutzen.
Drogenbanden in Europa rüsten technologisch auf, warnt Lorraine Nolan, Direktorin der EU-Drogenagentur EUDA, in einem Interview mit der Financial Times. Technologie sei "einer der zentralen Treiber" der schnellen Entwicklung des europäischen Drogenmarkts, sagt sie. Kartelle nutzten Drohnen für den Schmuggel, illegale Online-Marktplätze für Chemikalien und nach Einschätzung Nolans zunehmend auch maschinelles Lernen für die Synthese neuer Wirkstoffe.
Besonders besorgt zeigt sich Nolan über sogenannte Designer-Precursors, also Vorläuferchemikalien, die strukturell so verändert werden, dass sie bestehende Verbotslisten umgehen, aber dieselbe Funktion erfüllen wie kontrollierte Ausgangsstoffe. Künstliche Intelligenz könne bei deren Entwicklung helfen, argumentiert sie, ganz ähnlich wie Pharmaunternehmen KI einsetzen, um Molekülstrukturen mit gewünschten therapeutischen Effekten vorherzusagen.
Dasselbe Prinzip wie in der Pharmaforschung
"Sie kann absolut genutzt werden, um Designer-Chemie zu betreiben und illegale Drogen herzustellen", sagt Nolan der FT. "Wenn man sich den Tech-Schub im Arzneimittelbereich ansieht und wie er die Wirkstoffentdeckung beschleunigt, ist es auf der illegalen Seite genau dasselbe Prinzip." Konkrete Fälle, in denen Banden KI-Modelle nachweislich für die Synthese eingesetzt hätten, nennt das Interview nicht. Die EUDA arbeite aber mit Behörden und Technologieunternehmen zusammen, um den Einsatz von KI im Drogenmarkt zu analysieren, und habe ihre Frühwarnsysteme für neue psychoaktive Substanzen ausgebaut.
Die Zahlen im jährlichen Europäischen Drogenbericht der Agentur sollen die Warnung untermauern. Zwischen 2014 und 2024 stiegen laut Bericht die EU-Sicherstellungsmengen bei Methamphetamin, Kokain, MDMA, Amphetamin und Cannabis stark an. Neue psychoaktive Substanzen, darunter potente synthetische Opioide, wurden 2024 im Schnitt etwa einmal pro Woche erstmals entdeckt. Europa, so Nolan, sei nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern entwickle sich zu einem "Synthese-Produktionsstandort".
Nolan betont, dass dieselben Technologien auch der Gegenseite nutzen könnten, etwa durch frühere Erkennung neuer Risiken und zielgerichtetere Interventionen. Die EU-Kommission hatte Ende vergangenen Jahres angekündigt, die Regulierung von Drogen-Precursors zu überarbeiten, um mit dem Tempo des Marktes Schritt zu halten.
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