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China erwägt Exportbremse für seine besten KI-Modelle, und Europa gerät weiter in die Zange

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Kurz & Knapp

  • China prüft Beschränkungen für den Auslandszugang zu seinen fortschrittlichsten KI-Modellen. Entsprechende Gespräche führten die Behörden bereits mit Technologiekonzernen wie Alibaba und Bytedance.
  • Für das bei der KI-Entwicklung stark abhängige Europa steigt dadurch das Risiko, den Zugang zu günstigen Alternativen gegenüber US-Diensten zu verlieren. Zugleich fließt europäisches Fachwissen zunehmend in fremde Modelle ab.
  • Die EU will mit der 200 Milliarden Euro schweren Initiative InvestAI eigene KI-Kapazitäten aufbauen. Die geplanten Rechenzentren verzögern sich jedoch und das Budget ist im Vergleich zu den Ausgaben amerikanischer Tech-Konzerne gering.

China prüft Beschränkungen für den Auslandszugang zu seinen fortschrittlichsten KI-Modellen. Damit behandeln beide Supermächte KI als strategisches Gut. Europas ohnehin schwache Verhandlungsposition könnte dadurch weiter erodieren.

Chinesische Behörden haben im vergangenen Monat mit führenden Technologiefirmen über eine mögliche Beschränkung des Auslandszugangs zu Chinas fortschrittlichsten KI-Modellen gesprochen, berichtet Reuters unter Berufung auf drei mit den Gesprächen vertraute Personen. Betroffen wären demnach auch noch unveröffentlichte Modelle. An den Treffen nahmen laut dem Bericht die Konzerne Alibaba und Bytedance sowie das Start-up Z.ai teil.

Die vom Handelsministerium geleiteten Gespräche behandelten Grenzen für besonders leistungsstarke Systeme, sowohl geschlossene als auch offene Modelle. Beamte erwogen laut einer Quelle, Diebstahl oder Weitergabe geschützter KI-Technologie unter Chinas striktes nationales Sicherheitsgesetz zu stellen. Außerdem stand im Raum, stärker zu kontrollieren, wer heimische KI-Start-ups finanzieren darf. Der Umfang möglicher Regeln wird noch diskutiert und könnte nur künftige Modelle betreffen. Ob und wann sie in Kraft treten, ist offen.

Seit dem Erscheinen von Deepseeks R1 haben chinesische Modelle wegen niedriger Kosten und wachsender Fähigkeiten weltweit an Boden gewonnen. Alibabas Qwen und ByteDances Doubao gehören zu den meistgenutzten Modellen in China, und Z.ai sorgte zuletzt mit GLM-5.2 für Aufsehen, das der US-Spitze nahekommt, aber nur einen Bruchteil kostet. Sollte Peking den Zugang begrenzen, dürften die Kosten für viele Unternehmen steigen.

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Peking schirmt seine KI schon länger ab

Der Vorstoß fügt sich in eine Reihe protektionistischer Schritte. Im April ordnete die staatliche Planungsbehörde an, dass Meta seine zwei Milliarden Dollar schwere Übernahme des chinesischstämmigen Start-ups Manus rückabwickelt. Anfang Juni folgten verschärfte Regeln für Auslandsgeschäfte, die chinesische Investoren, Technologie und Daten betreffen. Zudem untersuchte China Manus und weitere ins Ausland abgewanderte Start-ups auf mögliche Verstöße gegen Exportkontrollen.

Wie mögliche Zugangsbeschränkungen aussehen könnten, deutet laut Reuters eine Expertenrunde vom Mai an, deren Zusammenfassung in einem Journal des Obersten Volksgerichts erschien. Vorgeschlagen wurde ein gestuftes System: einfache Open-Source-Werkzeuge nur mit Meldepflicht, fortgeschrittene Technologien mit Sicherheitsprüfung und die sensibelsten Frontier-Modelle gar nicht zur öffentlichen Freigabe oder nur zur inländischen Nutzung.

Die USA machen es vor

Damit spiegelt China ein Vorgehen wider, das Washington bereits eingeschlagen hat. Die Trump-Regierung sorgt sich um den Missbrauch amerikanischer KI durch Militärgeheimdienste in China, Russland und anderen Staaten. Im Juni untersagte sie ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu Anthropics fortschrittlichsten Modellen Fable und Mythos. Weil die Nationalität nicht in Echtzeit prüfbar war, schaltete Anthropic die Modelle zunächst weltweit ab. Die Exportkontrollen für Fable wurden nach neuen Schutzmaßnahmen wieder aufgehoben. Das für Cybersicherheitsfachleute gedachte Mythos bleibt hingegen einigen vertrauenswürdigen US-Organisationen und kontrollierten Partnern vorbehalten.

Chinesische Behörden fürchten laut Reuters, Washington könnte Mythos zum Ausnutzen von Softwarelücken gegen chinesische Interessen einsetzen. Zhou Hongyi, Gründer der Sicherheitsfirma 360, fordert daher ein eigenes chinesisches Mythos.

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Der bequeme Ausweg schließt sich

Für Europa ist der Vorgang mehr als eine Randnotiz. Beide Supermächte behandeln ihre besten KI-Modelle inzwischen als strategisches Gut, das sie im Zweifel für sich behalten. Bisher galten die offenen, frei herunterladbaren Modelle aus China vielen als sourveräne Alternative zu den teureren US-Diensten. Chinas Vorschlag, die sensibelsten Modelle nur noch im eigenen Land zuzulassen, zeigt jedoch, dass auch dieser Weg unsicher ist. Wer heute auf günstige Technik aus China setzt, kann morgen ausgesperrt werden. Ein eigenes, konkurrenzfähiges Angebot fehlt Europa bislang weitgehend, mit Ausnahme des französischen Anbieters Mistral. Wie groß der digitale Rückstand ist, hat der Bericht des früheren EZB-Chefs Mario Draghi zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit dokumentiert: Bei über 80 Prozent aller digitalen Produkte, Dienste und Infrastruktur hängt die EU von ausländischen Anbietern ab. Auch der im Februar 2026 veröffentlichte Bericht der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) zeichnete ein ernüchterndes Bild des KI-Standorts Deutschland und Europa.

Solange Europa Gewicht als Handels- und Bündnispartner hat, dürften Zugänge in den meisten Fällen bestehen bleiben. Europas Gewicht in internationalen Verhandlungen speist sich vor allem aus zwei Quellen, die vorerst stabil bleiben: dem großen Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Verbrauchern und der Macht, mit eigenen Regeln globale Standards zu setzen (Brüssel-Effekt). Der wirtschaftliche Wohlstand dahinter beruht jedoch stark auf hochwertiger Kopfarbeit, also auf gut ausgebildeten Ingenieuren, Entwicklern und Forschern, die Europa im Welthandel als Stärke einbringt. Und genau diese Kopfarbeit droht durch KI an Wert zu verlieren.

Ein erstes Warnsignal liefert die Softwarebranche. Die Nachfrage nach Berufseinsteigern lässt nach, weil KI-Werkzeuge einfache Programmieraufgaben übernehmen und Unternehmen weniger Einstiegsstellen besetzen. Damit bricht der klassische Lernweg vom Anfänger zum erfahrenen Entwickler weg. Was heute Junior-Programmierer trifft, könnte künftig auch Ingenieure und Forscher erreichen, wenn Modelle deren Arbeit routinemäßig übernehmen können. Bisher ist nicht davon auszugehen, dass der KI-Fortschritt in den nächsten Jahren abrupt endet.

Ein altes Problem bekommt einen zweiten Abflusskanal

Dass Wissen und Talent aus Europa abwandern, ist allerdings keine Erfindung des KI-Zeitalters. Vielversprechende europäische Firmen wurden schon lange von ausländischen Konzernen aufgekauft, vom KI-Labor Deepmind über den Chipentwickler ARM bis zum finnischen Unternehmen Silo AI, das der US-Konzern AMD 2024 für 665 Millionen Dollar übernahm. Die Ursache ist ein chronischer Geldmangel: In der EU steckt laut Europäischer Investitionsbank bei mehr als vier von fünf größeren Finanzierungsrunden ein ausländischer Hauptinvestor, in San Francisco sind es nur 14 Prozent. Wer das Geld gibt, verlegt das Unternehmen oft ins Ausland oder kauft es ganz. So verliert Europa immer wieder jene Firmen, aus denen Branchenführer werden könnten.

KI öffnet diesem alten Leck nun einen zweiten, schnelleren Kanal. Denn Fachwissen lässt sich heute in kleinen Portionen einkaufen und direkt in ein Modell einspeisen. Plattformen wie Mercor vermitteln Experten an KI-Labore, die deren Wissen gezielt als hochwertige Trainingsdaten nutzen. Der Markt verschiebt sich weg von Massen einfacher Beispiele hin zu kleineren, von Fachleuten kuratierten Datensätzen. Menschliche Expertise fließt so in Trainings- und Evaluationsdaten ein und kann dort dauerhaft zur Leistungsfähigkeit von KI-Modellen beitragen.

Für Europa summiert sich beides zu einem doppelten Risiko. Der Kontinent verliert wie bisher Firmen und Talente an ausländische Eigentümer, und zugleich fließt das Fachwissen seiner Experten als Trainingsmaterial in Modelle ab, die es selbst kaum besitzt. Es wäre eine Abwanderung nicht in billigere Länder, wie einst bei der Industrieproduktion, sondern in fremde KI-Modelle, diesmal beim geistigen Kapital.

Die Konsequenz für den Kontinent: Ohne größere öffentliche Investitionen, politischen Willen und den Aufbau eigener Fähigkeiten bleibt Europa Spielball zweier Mächte, die KI zunehmend als Machtinstrument begreifen.

Europa investiert jetzt, aus einer Position der Schwäche

Untätig ist Europa dabei immerhin nicht mehr. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte Anfang 2025 die Initiative InvestAI an, über die insgesamt rund 200 Milliarden Euro für KI mobilisiert werden sollen, darunter 150 Milliarden Euro aus der privaten "AI Champions"-Initiative und 50 Milliarden Euro zusätzlicher europäischer Investitionsimpulse. 20 Milliarden Euro sind für bis zu fünf sogenannte KI-Gigafactories vorgesehen, große Rechenzentren, die Europa eine eigene Kapazität zum Training von Spitzenmodellen verschaffen sollen. Der EU-Rat verabschiedete im Januar 2026 den nötigen Rechtsrahmen.

In der Umsetzung stockt es jedoch. Die formelle Ausschreibung für die Gigafactories wurde mehrfach verschoben und wird nun erst für den Sommer 2026 erwartet. Der Bau erster Anlagen soll nach aktuellem Zeitplan 2027 beginnen, eine breite operative Wirkung ist daher frühestens danach zu erwarten.

Und im globalen Maßstab bleibt selbst die gesamte europäische Anstrengung bescheiden. Laut aktuellen Analysten- und Medienauswertungen könnten allein die vier größten US-Konzerne Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta 2026 zusammen rund 700 Milliarden Dollar an KI-getriebenen Investitionen ausgeben, fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Vier amerikanische Unternehmen stecken damit in einem einzigen Jahr rund das Dreifache dessen in KI, was Europas gesamte, über Jahre gestreckte Initiative überhaupt vorsieht.

Zugleich lockert Europa seine eigenen Regeln. Mit dem "Digital Omnibus"-Paket vom November 2025 sollen zentrale Pflichten des KI-Gesetzes für Hochrisiko-Anwendungen bis 2027, teils bis 2028 verschoben werden, offiziell um heimischen Firmen im Wettbewerb mit den USA und China Luft zu verschaffen. Kritiker sehen darin ein Nachgeben gegenüber dem Druck großer Tech-Konzerne und der US-Regierung.

Ob Geld und gelockerte Regeln genügen, um die doppelte Abhängigkeit aufzulösen, ist offen, ebenso wie die Frage, ob alle Beteiligten die Tragweite der Technologie tatsächlich erfassen. Manche in Europa scheinen eher auf das Platzen einer KI-Blase zu hoffen oder auf ein Leapfrogging, das die eigene Rückständigkeit bei Rechenleistung und Daten mit einem cleveren Sprung überspringt. Doch die jüngste Entwicklung deutet in die andere Richtung.

Rohe Rechenleistung, gewaltige Datenmengen und praktische Erfahrung haben Modelle wie Mythos hervorgebracht, die etablierte Praktiken der Cybersicherheit binnen kurzer Zeit über den Haufen geworfen haben. Neuere Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass die meisten Benchmarks KI-Agenten sogar eher unterschätzen. Genau deshalb behandeln Washington und Peking solche Systeme als strategisches Gut. Wer darauf setzt, dass sich dieser Trend von selbst erledigt, verkennt, dass die Grundlage dieser Modelle, Rechenleistung und Daten, real und schwer aufzuholen ist. Für Europa heißt das, die Realität ernst zu nehmen, statt auf ihr Verschwinden zu hoffen.

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Quelle: Reuters