Das Plattformdilemma der KI-Branche: Modellhersteller konkurrieren mehr und mehr mit eigenen Kunden
Anthropic drosselt sein neues Mythos-Modell für bestimmte Aufgaben und baut gleichzeitig eigene Anwendungen, die direkte Konkurrenten seiner größten Kunden sind. Kunden, Partner und Investoren äußern wachsenden Unmut.
Anthropic hat diese Woche mit Claude Fable 5 eine Version seines Mythos-Modells veröffentlicht, dabei aber die Leistung stillschweigend gedrosselt, wenn Kunden es für Aufgaben rund um die Entwicklung eigener KI-Software oder -Hardware einsetzen. Nach öffentlicher Kritik ruderte das Unternehmen leicht zurück und kündigte an, Kunden zumindest zu benachrichtigen, wenn ein schwächeres Modell zum Einsatz kommt.
Laut The Information sehen damit einige Investoren und Branchenexperten sich in ihren Befürchtungen bestätigt. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis nur noch die Modellhersteller Zugang zu den leistungsstärksten Modellen haben", schrieb Martin Casado, General Partner bei Andreessen Horowitz, bereits im April auf X. Der Rest bekomme Zugang zu kleineren, destillierten Versionen. Casado ist allerdings auch Investor und Vorstandsmitglied beim Coding-Startup Cursor, das selbst Anthropic-Kunde und zugleich Konkurrent von Claude Code ist.
Offiziell soll die Drosselung verhindern, dass ausländische Gegner oder rivalisierende KI-Labore Anthropics Modelle nutzen, um eigene Technologie zu verbessern. Doch laut The Information befürchten Entwickler, dass auch grundlegende Funktionen für KI-gestützte Anwendungen eingeschränkt werden könnten. Das vermutete Kalkül dahinter: Anthropic wolle die beste Technologie für eigene, konkurrierende Produkte reservieren.
Kunden, Partner und Konkurrenten äußern wachsenden Unmut
Die Modell-Drosselung ist dabei nur ein Teil eines größeren Musters von komplizierten Beziehungen zwischen Modellanbietern und Kunden, die plötzlich zu Konkurrenten werden. Laut The Information bat Anthropic Firmen wie Figma und Canva Wochen vor dem Launch des KI-Designtools Claude Design noch als Partner aufzutreten. Kurz vor der Veröffentlichung erweiterte Anthropic den Funktionsumfang so stark, dass das Produkt direkt mit den Angeboten dieser Partner konkurrierte. Figma stieg aus der Partnerschaft aus, und Anthropics Chief Product Officer Mike Krieger verließ Figmas Board.
Figma-CEO Dylan Field sagte auf einem Event von Sequoia Capital, Anthropic sei "in seiner Kommunikation nicht durchgehend aufrichtig". Bereits ein Jahr zuvor hatte Anthropic mit Claude Code eine Coding-App lanciert, die Kunden wie Cursor bedrohte. Claude Code überholte schließlich sowohl Cursor als auch Microsofts GitHub Copilot beim Umsatz. "Wenn es nur einen Gewinner im KI-Modell-Rennen gibt, können sie ihre Kunden herumschubsen und niedertrampeln", sagte Quinn Slack, CEO des Coding-Startups Amp und langjähriger Anthropic-Kunde.
Hinter Anthropics aggressivem Vorgehen steht damit auch eine beispiellose Umsatzentwicklung. Laut The Information verfünffachte sich der annualisierte Umsatz in nur fünf Monaten auf fast 50 Milliarden Dollar und übertraf damit OpenAI, das mit Codex ebenfalls ein Konkurrenzprodukt zu vielen seiner Kunden im Angebot hat. Die Umsätze von Anthropic und OpenAI zusammen wachsen schneller als die der nächsten 32 großen KI-Startups kombiniert, und beide Unternehmen bauen ihren Burggraben über Tochterunternehmen wie OpenAIs DeployCo weiter aus.
Die Dynamik erinnert an frühere Fälle von Microsoft und Google, die ihre Plattformdominanz nutzten, um eigene Anwendungen zu bevorzugen und Partner zu verdrängen. Beide wurden später als illegale Monopole eingestuft.
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