Skip to content

Googles "Bevorzugte Quellen" sind ein Freifahrtschein für noch mehr Müll in der Suche

Image description
GPT-Image-2 prompted by THE DECODER

Kurz & Knapp

  • Googles neue Funktion "Bevorzugte Quellen", bei der Nutzer bevorzugte Nachrichtenquellen manuell festlegen sollen, ist vor allem ein Alibi. Der Konzern besitzt längst die Daten und Systeme, um hochwertige Quellen und Nutzerpräferenzen algorithmisch zu erkennen. Die angebliche Stärkung von Qualitätsjournalismus überzeugt daher nicht.
  • Tatsächlich verschiebt Google Verantwortung an die Nutzer. Weil nur ein verschwindend kleiner Teil die Funktion nutzen dürfte, bleibt die Quellenauswahl praktisch beim Konzern. Das ist entscheidend, weil Google kontrollieren will, welche Inhalte das eigene KI-Ökosystem speisen und welche Quellen in der Suche noch sichtbar werden. Hochwertige redaktionelle Angebote sind für Google unbequemer als KI-Spam-Seiten oder Partner, die keine Ansprüche stellen.
  • Politisch ist die Funktion nützlich, weil Google damit gegenüber Regulierern auf eine formale Einflussmöglichkeit der Nutzer verweisen kann. "Bevorzugte Quellen" löst die Probleme rund um Medienpluralismus, faire Sichtbarkeit und KI-Nutzung journalistischer Inhalte nicht. Es liefert Google aber ein bequemes Argument: Die Nutzer hätten die Quellenauswahl ja selbst beeinflussen können.

Google lässt Nutzer manuell festlegen, welche Quellen in der Suche bevorzugt werden sollen. Angeblich, um Qualitätsjournalismus zu stärken. Die Argumentationslücken sind offensichtlich.

Ausgerechnet Google. Ausgerechnet das Unternehmen, das seit Jahrzehnten behauptet, die Intention seiner Nutzer besser zu verstehen als jedes andere. Der Konzern mit den umfassendsten Nutzerdaten der Menschheitsgeschichte.

Ausgerechnet dieser Konzern soll im KI-Zeitalter plötzlich darauf angewiesen sein, dass Nutzer journalistische Quellen händisch als "bevorzugte Quelle" markieren, damit seriöser Journalismus in der Suche häufiger erscheint. So begründet Google die Funktion: Sie soll angeblich hochwertigen, seriösen Journalismus stärken.

Das überzeugt nicht. Wenn Google hochwertige Quellen bevorzugen wollte, könnte es sie längst bevorzugen. Der Konzern weiß, welche Angebote verlässlich sind, welche Quellen Nutzer regelmäßig anklicken und welche Inhalte redaktionell entstehen. Die Frage ist also nicht, ob Google Qualität erkennen kann. Die Frage ist, warum Google diese Entscheidung plötzlich an Nutzer auslagert.

Es geht um die Kontrolle über Quellen

Die Wahrheit ist simpler – und hässlicher: Google will kontrollieren, welche Quellen seine KI-Suche speisen und welche davon überhaupt noch sichtbar werden. Das ist besonders bequem, wenn möglichst wenige dieser Quellen eigene Ansprüche stellen, etwa wegen Urheberrecht, Vergütung oder Reichweite.

Die klassische Google-Suche war lange ein Tauschgeschäft. Google monetarisierte die Suchanfrage, leitete aber Nutzer an die Webseiten weiter. Mit KI-Antworten ändert sich dieses Verhältnis: Google nutzt Inhalte weiterhin als Grundlage, hält die Nutzer aber zunehmend in der eigenen Oberfläche. Aus Quellen werden Rohstoffe.

Für Google entsteht damit ein neuer Anreiz. Hochwertige Originalquellen sind aus Nutzersicht oft die besten Ergebnisse, aus Googles Sicht aber unbequem: Sie sind redaktionell, monetarisiert und können Ansprüche geltend machen. Automatisiert oder halbautomatisiert erzeugte KI-Spam-Seiten sind dagegen pflegeleichter. Sie freuen sich selbst über wenig Traffic und klagen nicht. Ob ihre Sichtbarkeit Absicht oder Kollateralschaden ist, ist zweitrangig. Der Effekt ist für Google nützlich, weil in KI-Antworten ohnehin kaum noch auf Quellen geklickt wird.

Parallel sichert sich Google Inhalte dort, wo die Bedingungen einfacher sind. Der Konzern hat etwa einen Deal mit Reddit geschlossen, um Reddit-Inhalte für KI-Training zu nutzen. Das ist für Google kalkulierbarer als ein offenes Netz aus Verlagen, Rechteinhabern und möglichen Klagen.

Genau in diese Logik passt "Bevorzugte Quellen". Die Funktion verschiebt die Verantwortung, statt das Problem schlechter Suchergebnisse zu lösen. Google weiß, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Nutzer manuell bevorzugte Quellen hinterlegen wird. Aber die bloße Existenz der Option reicht als Argument: Nutzer könnten ja andere Quellen auswählen.

Damit wird Nichtnutzung faktisch zur Zustimmung zur Google-Vorauswahl. Wer keine bevorzugten Quellen festlegt, bekommt, was Google ausspielt. Und wenn dort KI-Spam, bequeme Partner oder beliebige Ersatzquellen stehen, kann Google darauf verweisen, dass der Nutzer die Auswahl hätte beeinflussen können. So nimmt der Konzern Nutzer und seriöse Anbieter zugleich aus der Gleichung.

Drei Regulierungsfronten, eine Antwort

Das Kalkül ist auch politisch. Google steht in Europa gleich an mehreren Stellen unter Druck. Der Digital Services Act (DSA) verlangt von großen Suchmaschinen Transparenz bei Empfehlungsalgorithmen und Risikominderung zum Schutz von Medienpluralismus. Italiens Medienaufsicht AGCOM hat die EU-Kommission bereits gebeten, Googles AI Overviews unter dem DSA zu prüfen.

Der Digital Markets Act (DMA) erfasst Google Search als Gatekeeper-Dienst. Er verbietet unter anderem begünstigendes Ranking eigener Dienste und verlangt nichtdiskriminierende Bedingungen. Parallel prüft die EU-Kommission seit Dezember 2025 nach Artikel 102 AEUV, ob Google Inhalte von Publishern für KI-Zwecke ohne angemessene Vergütung nutzt.

Vor diesem Hintergrund ist "Bevorzugte Quellen" weniger ein Beitrag zu besserer Suche als ein Argument für Aufseher und Politik. Google kann künftig sagen, Nutzer könnten die Quellenauswahl selbst beeinflussen. Ob diese Möglichkeit tatsächlich in relevantem Umfang genutzt wird, ist dafür zweitrangig. Entscheidend ist, dass Google sie vorzeigen kann. In der Praxis bleibt die Quellenauswahl fast immer bei Google.

Das offene Web ist für Google kein Wachstumsgeschäft mehr

Wer wissen will, wie viel Wert Google noch auf das offene Internet legt, schaut auf die Zahlen. Googles Werbegeschäft wächst kräftig, aber nicht dort, wo das offene Web stattfindet. Search und YouTube legen zu, das Google Network schrumpft seit 2022 teils zweistellig im Jahresvergleich. Also jener Bereich, in dem Google Werbung auf externen Webseiten ausspielt.

Kennzahl Q1 2025 Q1 2026
Google Search & other 50,702 Mrd. USD 60,399 Mrd. USD
YouTube ads 8,927 Mrd. USD 9,883 Mrd. USD
Google Network 7,256 Mrd. USD 6,971 Mrd. USD
Google advertising gesamt 66,885 Mrd. USD 77,253 Mrd. USD

Die Richtung ist eindeutig: Google verdient immer mehr in den eigenen Oberflächen und immer weniger mit Werbung auf fremden Webseiten. Googles Anwälte waren im Rahmen eines Werberechtsstreits im Herbst 2025 versehentlich kurz ehrlich und sprachen vom "rapiden Verfall" des WWW. Gemeint war zwar der Verfall von Googles Display-Werbeeinnahmen. Aber genau dieser Punkt ist entscheidend.

Wenn das offene Web für Google weniger wichtig wird, sinkt auch der Anreiz, Nutzer dorthin weiterzuleiten. Der Konzern integriert sie stattdessen über KI-Systeme immer stärker ins eigene Ökosystem. Je schlechter, unübersichtlicher und austauschbarer das Web wirkt, desto leichter fällt es, Nutzer in Googles eigenen Produkten zu halten.

"Die Leute lieben unsere KI-Erlebnisse wie AI Mode und AI Overviews", sagte Google-CEO Sundar Pichai anlässlich der jüngsten Finanzkennzahlen. Aus Googles Sicht ist das folgerichtig: Wenn Antworten direkt in der Suche erscheinen, bleibt die Aufmerksamkeit bei Google. Die Quelle wird zur Zulieferung, nicht mehr zum Ziel.

Neu ist diese Logik nicht. Plattformen wie Instagram, LinkedIn und X werten Verlinkungen nach außen seit Jahren ab, um Nutzer im eigenen Ökosystem zu halten. Jetzt bewegt sich auch Google in diese Richtung. Externe Webseiten sind nur noch dann wirklich interessant, wenn sie Googles Produkte speisen oder über Werbeklicks monetarisierbar sind. Selbst klickbasierte Anzeigen können davon profitieren, wenn die klassischen Suchergebnisse schlechter werden: Wer organisch nichts Brauchbares findet, klickt eher auf bezahlte Platzierungen.

An die Verlage: Hört auf, über jedes Stöckchen zu springen

Zahlreiche Verlage haben bereits damit begonnen, ihre Leser mit großen Buttons dazu aufzufordern, die eigene Seite bei Googles "Bevorzugte Quellen" zu hinterlegen. Kurzfristig ist das nachvollziehbar. Wer Reichweite verliert, greift nach jedem Hebel. Strategisch ist es ein Fehler.

Denn genau so funktioniert Googles Alibi. Der Konzern baut eine Funktion, die kaum jemand nutzen wird, und die Verlage übernehmen auch noch die Aufgabe, Nutzer dorthin zu treiben. Damit helfen sie Google, aus einem theoretischen Kontrollangebot ein vermeintlich ernsthaftes Produkt zu machen.

Wer gleichzeitig vor Gericht gegen Google zieht, sollte sich fragen, ob es klug ist, jedes neue Google-Feature sofort in die eigene Nutzerführung einzubauen. Denn damit legitimiert man genau den Mechanismus, den man eigentlich kritisieren müsste: Google entscheidet über die Sichtbarkeit von Quellen, verweist aber auf eine manuelle Nutzeroption, sobald diese Entscheidung kritisiert wird.

Google hat sich mit "Bevorzugte Quellen" ein Alibi gebaut. Die Branche sollte nicht beim Aufstellen helfen.

Google hat auf meine Nachfrage keine Aussage dazu abgegeben, warum es eine manuelle Funktion wie "Bevorzugte Quellen" benötigt, obwohl der Konzern Quellenqualität und Nutzerpräferenzen seit Jahrzehnten algorithmisch erfasst.

KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert

Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den "KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.

Quelle: Google Blog