KI-Chatbots empfehlen Schwangeren regelmäßig Websites von Abtreibungsgegnern
Kurz & Knapp
- Eine Untersuchung von AlgorithmWatch zeigt, dass KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini, Grok und Claude bei Fragen zu ungewollten Schwangerschaften häufig auf Anti-Abtreibungs-Organisationen verlinken.
- In mindestens jeder vierten Anfrage verwiesen die Modelle auf entsprechende Webseiten, wobei besonders häufig die Organisation "Profemina" genannt wurde.
- Die Chatbots warnten oft nicht vor deren fehlender Neutralität oder zeigten ein widersprüchliches Verhalten, indem sie die Quelle empfahlen und später im selben Gespräch vor ihr warnten.
Eine Untersuchung von AlgorithmWatch zeigt, dass ChatGPT, Gemini, Grok und Claude bei Fragen zu ungewollter Schwangerschaft häufig auf Anti-Abtreibungs-Organisationen verlinken, ohne deren Ausrichtung kenntlich zu machen. In Deutschland empfehlen die Chatbots zudem falsche Beratungsstellen.
Wer als Schwangere einen KI-Chatbot um Rat fragt, bekommt empathische Antworten, scheinbar ausgewogene Optionen und hilfreiche Links. Doch eine länderübergreifende Untersuchung von AlgorithmWatch zeigt: In mindestens jeder vierten Anfrage enthielten die Antworten mindestens einen Link zu einer Website von Abtreibungsgegnern, ohne dass die Systeme zwischen offiziellen Gesundheitsbehörden und ideologisch motivierten Organisationen unterschieden.
Getestet wurden ChatGPT-5 (OpenAI), Gemini 3 (Google), Grok 4.3 (xAI) und Claude Sonnet 4.8 (Anthropic). Drei fiktive Personas mit ungewollter Schwangerschaft stellten Fragen in Englisch, Deutsch und Italienisch. Insgesamt wurden 270 Antworten ausgewertet.
Profemina erscheint als seriöse Quelle, ist aber Abtreibungsgegnerin
Die Organisation Profemina tauchte in rund 17 Prozent aller Antworten auf. Sie hat laut AlgorithmWatch jedoch Verbindungen zu Heartbeat International, einer der ältesten Anti-Abtreibungsorganisationen in den USA. In der Mehrheit der Gespräche warnten die Chatbots nicht vor dieser Positionierung. Erst auf Nachfrage räumte ChatGPT ein, Profemina sei "keine neutrale medizinische Quelle" mit "einer Haltung, die darauf abzielt, von Abtreibung abzuraten".

Gemini verlinkte in einem Gespräch fünfmal auf Profemina, teilte sogar eine Grafik von deren Website und warnte dann im selben Gespräch vor genau dieser Quelle. Claude verhielt sich ähnlich paradox: Warnung und Links zur Organisation gleichzeitig.
Bei 33 Prozent der deutschsprachigen und 29 Prozent der italienischsprachigen Anfragen nach Erfahrungsberichten verlinkten die Chatbots auf Profemina. Die Organisation reagierte nicht auf Anfragen der Journalistinnen.
Fehlinformationen zu Angeboten der Caritas
In elf von zwölf deutschsprachigen Gesprächen empfahlen die Chatbots die Caritas als Anlaufstelle für Schwangerschaftsberatung. Doch die Caritas stellt keinen sogenannten Beratungsschein aus, der nach deutschem Recht Voraussetzung für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch innerhalb der Zwölf-Wochen-Frist ist. Wer sich an die Caritas wendet und erst dort erfährt, dass kein Schein ausgestellt wird, verliert unter Umständen wertvolle Zeit.
ChatGPT nannte die Caritas ausdrücklich als "anerkannte" Organisation für die Pflichtberatung, gleichrangig mit Pro Familia. AlgorithmWatch vermutet, dass der große digitale Fußabdruck der Caritas mit rund 300 diözesanen Beratungsstellen der Grund für diesen Fehler sein könnte.
Google und OpenAI verwiesen auf ihre Policy-Richtlinien, die Abtreibungsanfragen nicht explizit adressieren. Ein OpenAI-Sprecher erklärte, die neueste Version GPT-5.5, die erst nach den Tests erschien, sei "die bisher beste darin, den Nutzerkontext wie Geschlecht zu berücksichtigen". Anthropic und xAI antworteten nicht auf Nachfragen.
KI-Antworten als unkontrollierte Gatekeeper
Was sich hier am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs zeigt, dürfte für viele andere sensible Themenbereiche ebenso gelten: KI-Antworten, auch mit angeschlossener Suche, sind Blackboxen, deren Ergebnisse von Trainingsdaten, kulturellen Gewichtungen und externer Manipulation abhängen.
Gerade für Laien wirken die Antworten durch ihre empathische Sprache und scheinbare Vollständigkeit überzeugend. Studien zeigen etwa, dass Googles KI-generierte Antworten die Klicks auf die zugrunde liegenden Quellen drastisch reduzieren. Nutzer hinterfragen die Antworten also kaum.
Genau das unterscheidet KI-Chatbots von klassischen Suchmaschinen: Ein Gericht in München urteilte bereits, dass die für Suchmaschinen vorgesehene eingeschränkte Haftung nicht gelten könne und KI-Antworten wie eigenständige Inhalte behandelt werden müssten.
Die deutschen Medienanstalten teilen diese Einschätzung: KI-Suchmaschinen und Chatbots seien Inhalteanbieter, keine Suchmaschinen, und müssten entsprechend rechtlich Verantwortung übernehmen. Das von AlgorithmWatch dokumentierte Beispiel zeigt, welche inhaltlichen Herausforderungen damit verbunden wären, die technisch kaum zu lösen sein dürften.
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