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KI soll Tiere verstehen lernen, doch Ethiker warnen vor Missbrauch im großen Stil

Manuel Uth
8. September 2026
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Nano Banana Pro prompted by THE DECODER

Kurz & Knapp

  • Forscher und Organisationen wie das Earth Species Project setzen KI ein, um die Kommunikation von Tieren wie Krähen oder Delfinen zu entschlüsseln und diese so besser zu schützen.
  • Wissenschaftler warnen jedoch vor Missbrauch durch Jäger oder Wilderer. Zudem kann das Abspielen aufgezeichneter Rufe wie ein Deepfake wirken und Tiere stark verstören.
  • Initiativen wie das MOTH-Programm fordern deshalb ethische Richtlinien und Privatsphäre-Rechte für Tiere. Umstritten bleibt, ob die Forschung nur passiv zuhören oder eine aktive Zwei-Wege-Kommunikation anstreben sollte.

KI verspricht, was Biologen jahrzehntelang versucht haben: die Kommunikation anderer Arten zu entschlüsseln. Doch je besser Maschinen Tiere verstehen, desto größer wird die Gefahr, dass dieses Wissen gegen sie verwendet wird. Forschende fordern jetzt ethische Leitlinien und sogar Privatsphäre-Rechte für Tiere.

Bereits 2018 befestigte der spanische Biologe Vittorio Baglione kleine Mikrofone an den Schwanzfedern von 43 Aaskrähen. An der Datenmenge scheiterte sein Team zunächst und wandte sich an das Earth Species Project (ESP), das maschinelles Lernen zur Dekodierung tierischer Kommunikation einsetzt.

Ein ESP-Modell trennte Rufe des Trägertieres von jenen der Artgenossen. Einen leisen Ruf bei Bussard-Angriffen interpretiert Baglione sinngemäß etwa als "Kommt her, helft!". Der Datensatz umfasst inzwischen 150.000 Aufnahmen, einer der größten Vogel-Datensätze überhaupt. ESP denkt allerdings weit über Krähen hinaus. Mitgründer Aza Raskin sagte bereits 2022, die geplanten Werkzeuge ließen sich "vom Wurm bis zum Wal" einsetzen, auch für nicht-akustische Formen wie Bienentänze.

Der Fall ist so einer von mehreren, an denen eine Recherche von Bloomberg nachzeichnet, wie sich die ethische Debatte um KI-gestützte Tierkommunikation in den vergangenen Jahren verschoben hat: von der Frage, ob Entschlüsselung überhaupt möglich ist, zur Frage, was passiert, wenn sie gelingt.

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Sonar, Wilderer, KI: eine Geschichte des Missbrauchs

Solche Ambitionen finden zunehmend Geldgeber. Der Milliardär Jeremy Coller prognostizierte im Juni laut Bloomberg eine echte Zwei-Wege-Kommunikation bis 2030. Google stellte kürzlich mit DolphinGemma ein Sprachmodell für Delfinlaute vor. Die Annahme: Wer Tiere besser versteht, schützt sie besser vor Klimawandel, Massentierhaltung und Habitatverlust.

Genau diese Nähe hat historisch allerdings oft das Gegenteil bewirkt, sagt César Rodríguez-Garavito, Direktor des More-Than-Human-Life-Programs an der New York University, gegenüber Bloomberg. Walfänger nutzten im 20. Jahrhundert Sonar, um Wale zur Oberfläche zu treiben. Wilderer imitieren automatisiert Vogelrufe

Baglione räumt ein, seine eigene Forschung könne von Jägern missbraucht werden, um Krähen zu signalisieren: "Komm, es ist sicher." Rodríguez-Garavito warnt: "KI birgt das Potenzial für größeren Schaden in großem Maßstab."

Ein 2025 vom MOTH-Programm veröffentlichter Bericht skizziert dystopische Szenarien für "nonhuman animal communication technologies" (NACTs): Tiere könnten von Menschenmengen belagert werden, die mit ihnen sprechen wollen, militärisch zur Seeminenerkennung eingesetzt oder gezielt gejagt werden.

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Gemeinsam mit Project CETI hat MOTH 18 ethische Prinzipien entwickelt, die Tiere als Subjekte statt als Objekte einstufen. Bereits das Zuhören greift beispielsweise durch Hydrophone im Meer, Biologger an Wölfen, Rucksackmikrofone an Vögeln und Ähnliches erheblich in die Natur ein. Einige Wissenschaftler fordern laut Bloomberg "Privatsphäre-Rechte" für Tiere.

Wenn Playback zum Deepfake wird

Noch heikler wird es beim Test der Hypothesen. Via Playback werden aufgezeichnete Rufe gegenüber anderen Tieren abgespielt, um Reaktionen zu beobachten. Bloomberg dokumentiert einen Fall der Zoologin Katy Payne, die in einem Podcast von 2007 einräumte, der Enkelin einer verstorbenen Elefantin die Stimme des toten Tieres vorgespielt zu haben. Das Tier reagierte mit plötzlichen und heftigen krampfartigen Anfällen.

Wiederholtes Abspielen desselben Rufs wirke wie das tierische Pendant eines Deepfakes, warnen Forschende: Artgenossen könnten echte Kommunikationsversuche künftig ignorieren. Bestehende Ethikleitlinien fühlten sich veraltet an, so Rodríguez-Garavito.

Passiv zuhören oder aktiv antworten?

Hier stellt sich die grundsätzliche ethische Frage, ob sich die Forschung auf passives Zuhören beschränken oder aktive Zwei-Wege-Kommunikation mit Tieren wagen sollte. Googles DolphinGemma arbeitet bereits mit dem System, das künstliche Pfeiftöne mit Objekten wie Seetang verknüpft, damit Delfine sie erlernen und mit Tauchern interagieren können. "Wenn wir zurücksprechen, führen wir uns selbst in das Leben der Tiere ein", sagt Kristin Andrews, Philosophieprofessorin am CUNY Graduate Center.

Finanzielle Anreize schieben das Feld in diese Richtung. Die Coller Doolittle Challenge vergibt jährlich 100.000 US-Dollar für Forschungsprojekte zur tierischen Kommunikation, dazu winken 10 Millionen für ein an den Turing-Test angelehntes Ziel: Ein Tier soll mit einer Maschine kommunizieren, ohne zu merken, dass am anderen Ende ein Mensch steht. Jury-Chef Yossi Yovel von der Universität Tel Aviv sieht "mehr potenziellen Nutzen als Schaden".

Trotz aller Euphorie mahnen Fachleute zur Zurückhaltung. Andrews plädiert dafür, Experimente auf Arten zu beschränken, die freiwillig die Nähe zum Menschen suchen, etwa Große Tümmler: "Sie haben ein bikulturelles Leben gewählt." Baglione bleibt skeptisch: "Jeder Fortschritt wird großartig sein, es sei denn, Menschen beginnen, dieses Wissen gegen das Tier einzusetzen."

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