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Nach US-KI-Sperre: Österreich will KI-Gigant Anthropic nach Europa holen

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Kurz & Knapp

  • Die US-Regierung hat den europäischen Zugang zu den neuesten KI-Modellen von OpenAI und Anthropic gesperrt. Das verdeutlicht die starke Abhängigkeit Europas von amerikanischen Technologieentscheidungen.
  • Als Reaktion schlägt der österreichische Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll vor, den Hauptsitz von Anthropic in die EU zu verlegen. Angesichts von Anthropics patriotischer Ausrichtung und Trumps Vergeltungspolitik ist der Vorstoß jedoch unrealistisch und wirkt wie eine Verzweiflungstat.
  • Ein Ausweichen auf lokal betriebene chinesische KI-Modelle gilt als wahrscheinlicher, birgt jedoch die Gefahr einer neuen Abhängigkeit von Peking. Volle Souveränität erreicht Europa nur mit eigener KI-Infrastruktur.

Die US-Regierung hat den europäischen Zugang zu den fortschrittlichsten KI-Modellen gesperrt. Österreichs Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll schlägt als Reaktion vor, Anthropic strategisch in der EU anzusiedeln. Im Hintergrund lauert China als vermeintliche Alternative.

Die US-Regierung hat zuletzt den Zugang zu zwei der fortschrittlichsten KI-Modelle für ausländische Staatsangehörige gesperrt oder verzögert. Betroffen sind neuesten Modelle von OpenAI und Anthropic. Für Europa bedeutet das, dass der Zugang zu Spitzen-KI von wenigen politischen Entscheidungsträgern in den USA abhängt. So entsteht eine gefährliche Abhängigkeit.

"Über Nacht wurde der größte Binnenmarkt der Welt – unser EU-Binnenmarkt mit 450 Millionen Menschen – von einer Spitzeninnovation abgeschnitten", schreibt der österreichische Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) an die für Technologische Souveränität zuständige EU-Kommissarin Henna Virkkunen. Das geht aus einem Bericht der Kronen Zeitung hervor, die den Brief nach eigenen Angaben gelesen hat.

Pröll will Anthropics Hauptquartier von Kalifornien nach Europa holen

Als Reaktion auf die Sperren schlägt Pröll vor, die EU solle eine "strategische Ansiedelung und Beteiligung" des KI-Unternehmens Anthropic prüfen. Anthropic entwickelt den KI-Assistenten Claude und unterhält bereits Niederlassungen in London, Dublin und weiteren Städten. Pröll will das Hauptquartier des Unternehmens von Kalifornien nach Europa verlegen.

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In einem LinkedIn-Post formuliert Pröll die Grundlogik hinter seinem Vorstoß. "Eine Technologie, die man nicht selbst herstellt und nur mit Erlaubnis nutzen darf, ist kein Werkzeug. Sie ist eine Abhängigkeit." Europa solle Anthropic über Rechtssicherheit, Marktzugang und Kapital an sich binden, getragen von einer europäischen Werteordnung.

Dass Pröll ausgerechnet Anthropic ins Visier nimmt, begründet er mit der Unternehmensphilosophie. "Gerade Anthropic passt zu uns. Ein Unternehmen, das den ethischen Einsatz von KI nicht als Marketing begreift, sondern als Grundüberzeugung. Das Sicherheit über Geschwindigkeit stellt", so Pröll laut Kronen Zeitung. "Dieses Unternehmen würde in Europa nicht eingeengt, es würde freigesetzt."

Der Brief an Virkkunen spricht zunächst nur von einer Prüfung. Ob die EU-Kommission den Vorschlag aufgreift, ist unklar. Realistisch ist der Vorstoß nicht. Er wirkt eher wie Ausdruck der Verzweiflung einer EU, deren Abhängigkeit nicht in den letzten fünf, sondern in 20 Jahren Digitalpolitik entstanden ist und sich kaum noch aufholen lässt.

Denn selbst wenn die Option bestünde: Angesichts von Trumps politischem Agieren und seiner harten Vergeltungsschläge scheint es unwahrscheinlich, dass sich Anthropic zu einem solchen Schritt verleiten ließe. Das Unternehmen mag für US-Verhältnisse weltoffen, progressiv und werteorientiert wirken, ist aber zutiefst patriotisch. Beim Streit mit dem Pentagon um erlaubte KI-Einsätze war das primäre Anliegen von Anthropic, US-Bürger zu schützen. Massenüberwachung für den Rest der Welt war hingegen kein Problem. Die Modelle kommen zudem wohl bereits beim US-Geheimdienst NSA zum Einsatz.

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Jedoch: OpenAI, Anthropic und andere kalkulieren mit den Umsätzen aus Europa, um ihre gigantischen Investitionen in Infrastruktur, Rechenleistung und Modellentwicklung zu finanzieren. Milliardenschwere Trainingsprogramme und der Ausbau von Rechenzentren lassen sich kaum allein mit dem US-Markt stemmen. Das gibt Europa eine gewisse Verhandlungsposition.

China als Alternative im Hintergrund

Die KI-Investorin Xiaoyin Qu skizziert das Alternativszenario. Europäische und aus Kostengründen auch US-amerikanische Unternehmen könnten chinesische KI-Modelle übernehmen, statt sich weiter von OpenAI und Anthropic abhängig zu machen.

Qu argumentiert, Unternehmen könnten chinesische Modelle auf eigenen GPUs hosten, mit eigenen Daten nachtrainieren und so die Kontrolle behalten. Das Vertrauen in Anthropic sei nach Vorfällen wie dem Umgang mit Fable ohnehin angeschlagen.

Qu warnt zudem vor einem Worst-Case-Szenario für die USA. China könnte sowohl die Modell- als auch die Chip-Ebene dominieren, wenn chinesische Open-Source-Modelle weiter Marktanteile gewinnen und auf Huawei-Chips statt auf Nvidia optimiert werden. Exportkontrollen allein lösten das Problem nicht. Die USA müssten stattdessen in eigene Open-Source-Modelle investieren.

Für Europa würde das Alternativszenario nur bedeuten, dass eine neue Abhängigkeit droht, dieses Mal von Peking statt von Washington. Denn lokal betriebene China-KI mag auf den ersten Blick souverän wirken. Doch auch hier könnte sich der Wind über Nacht drehen. Die offenen Modelle könnten mit neuen Lizenzen versehen oder die besten Modelle zurückgehalten werden.

Die Kalte-Kriegs-Rhetorik, zu der einzelne chinesische KI-Experten schon jetzt neigen, lässt mittelfristig wenig Großzügigkeit erwarten. China wird der EU auf Dauer keine Geschenke machen, nur solange es den USA schadet. Volle Souveränität wird die EU daher nur mit eigener KI und insbesondere eigener Infrastruktur erreichen.

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Quelle: Krone | LinkedIn