Warum Anthropic ausgerechnet bei Elon Musk Rechenleistung mietet
Anthropic zapft künftig Elon Musks Supercomputer Colossus 1 an. Hinter dem überraschenden Pakt stehen ein Compute-Engpass, ein bevorstehender Börsengang und eine bemerkenswerte Kehrtwende Musks.
Anthropic hat auf seiner Entwicklerkonferenz in San Francisco eine Vereinbarung mit Musks SpaceXAI über die Nutzung des Memphis-Rechenzentrums Colossus 1 verkündet. Anthropic erhält damit laut Wired Zugriff auf mehr als 300 Megawatt Kapazität und rund 220.000 Nvidia-GPUs. Die New York Times berichtet, dass Anthropic die gesamte Rechenkapazität von Colossus 1 abnimmt. Interessanter als die Zahlen ist die Frage, warum der Deal überhaupt zustande kommt.
Vom "evil"-Vorwurf zum Geschäftspartner
Anfang dieses Jahres hatte Musk Anthropic auf X als "misanthropic" und "evil" bezeichnet und dem Unternehmen ohne Belege rassistische und sexuelle Verzerrungen seiner Modelle unterstellt. Inzwischen klingt das anders. Musk schrieb auf X, er habe "letzte Woche viel Zeit mit ranghohen Mitgliedern des Anthropic-Teams verbracht" und sei beeindruckt gewesen.
Der Sinneswandel fällt mit einer geschäftlichen Realität zusammen. SpaceXAI, der Anfang 2026 durch die Fusion von xAI und SpaceX entstandene Konzern, plant bereits im kommenden Monat einen Börsengang. Ein zahlender Großkunde ist in dieser Phase mehr wert als ein rhetorischer Gegner. Colossus 1 wurde in Rekordzeit hochgezogen und ist primär für das hauseigene Modell Grok gedacht. Dass nun ein direkter Konkurrent dort einmietet, deutet darauf hin, dass die Anlage durch Grok allein wirtschaftlich kaum auszulasten ist. Colossus 2 wird laut Musk aktuell für das Training der neuen Grok-Generation genutzt.
Anthropic wächst sich aus dem eigenen Rechenzentrum heraus
Warum Anthropic im Gegenzug jeden verfügbaren Chip akzeptiert, erklärte CEO Dario Amodei auf derselben Konferenz. Anthropic habe sich für dieses Jahr auf eine Verzehnfachung eingestellt, sei aber auf einen Wachstumspfad geraten, der das Unternehmen 80-mal so groß machen könnte, sagte Amodei laut der NYT. "Ich hoffe, dass dieses 80-fache Wachstum nicht anhält, weil das einfach verrückt ist und zu schwer zu bewältigen."
Der annualisierte Umsatzlauf ist von 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025 auf über 30 Milliarden US-Dollar gestiegen. Wesentlicher Treiber ist Claude Code: Der durchschnittliche Entwickler verbringt laut Anthropic mindestens 20 Stunden pro Woche mit dem Tool. In den letzten Monaten häuften sich Beschwerden über Rate-Limits und Ausfälle, weil keine Rechenleistung mehr da war. Der SpaceXAI-Deal soll die Nutzungsgrenzen für Claude-Pro- und Claude-Max-Abonnenten anheben.
Für SpaceXAI ist Anthropic zugleich Marketinginstrument. In einem Blogpost schreibt das Unternehmen, Anthropic habe Interesse bekundet, an "orbitalen KI-Rechenkapazitäten" zusammenzuarbeiten, also an Rechenzentren im Weltraum. Vor dem IPO ist das ein nützliches Narrativ.
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