Europa nutzt mehr KI als die USA, doch die Gewinne fließen nach Amerika
Ein neuer Bericht von Prosus und Dealroom zeichnet Europas KI-Landschaft als Paradox: viel Talent, viel Nutzung, aber wenig Eigentum an den Plattformen, die davon profitieren.
Der niederländische Tech-Investor Prosus und die niederländische Startup-Datenplattform Dealroom.co haben den Report "State of AI in Europe – The Invisible Giant" veröffentlicht. Die zentrale These: Europa sei kein KI-Nachzügler bei Talent und Nutzung, verliere aber systematisch Kontrolle und Wertschöpfung an die USA.
Prosus-CEO Fabricio Bloisi formuliert es im Vorwort so: "Europa steht im globalen KI-Wettlauf an einem Scheideweg, ist aber zu langsam." Prosus ist selbst einer der größten Tech-Investoren Europas und hat damit handfestes Eigeninteresse an den Schlussfolgerungen des Berichts. Im Folgenden greife ich vier zentrale Erkenntnisse aus dem Bericht auf.
Europa trainiert die Algorithmen anderer
Der auffälligste Befund des Berichts betrifft die Nutzung von KI: Europa nutze KI nicht zu wenig, sondern sehr intensiv, allerdings vor allem die "falschen" Modelle.
In den meisten europäischen Ländern liegt die KI-Adoption über dem US-Niveau, Europa zählt laut Bericht rund doppelt so viele monatlich aktive LLM-Nutzer wie die USA. Die dominanten Systeme stammen jedoch aus den USA und China. Europäische Nutzer würden damit fremde Ökosysteme trainieren und finanzieren. Wird KI zunehmend in Alltagsanwendungen integriert, könnten ausländische Plattformen künftig Schnittstellen, Distribution und Datenfluss in Europa kontrollieren.
Gleich viel Talent, aber in den falschen Jobs
Beim KI-Talent sieht der Bericht Europa und die USA nahezu gleichauf: jeweils rund 325.000 Fachkräfte, bei den Spitzenforschern etwa 50.000 (Europa) gegenüber 55.000 (USA). Doch in Europa arbeiten laut Bericht 53 Prozent der KI-Talente in der traditionellen Wirtschaft, etwa in Beratungsunternehmen, Industriekonzernen und Banken, in den USA sind es nur 40 Prozent.
In digital-nativen Techfirmen seien in Europa lediglich 33 Prozent der Fachkräfte beschäftigt, in den USA dagegen 46 Prozent. Zu den größten KI-Arbeitgebern in Europa zählen zudem US-Konzerne wie Google, Meta und Amazon. Europas KI-Problem liege demnach nicht an den Universitäten, sondern in den Arbeitgeberstrukturen.
Europa hat reichlich KI-Gründungen, verliert aber beim Skalieren
Europa bringt laut dem Bericht eine vergleichbare Zahl an KI-Startups hervor wie die USA und habe 2025 mit 21,8 Milliarden Dollar ein Rekordjahr bei KI-Venture-Capital erreicht, ein Plus von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doch die Finanzierungslücke öffne sich in der Wachstumsphase massiv: Im sogenannten Breakout-Stadium – also beim Übergang vom Startup zum skalierenden Unternehmen – investiert Europa laut Bericht rund dreimal weniger als die USA, im Late-Stage-Bereich sogar neunmal weniger. Mehr als die Hälfte des späten Kapitals für europäische KI-Startups stamme aus dem Ausland, vorwiegend aus den USA. Die zugespitzte Formel des Berichts lautet: "Europa bringt die Startups hervor. Amerika gehören sie."
Unter der Oberfläche fehlt die Basis
Strukturell zeigt der Bericht weitere Defizite: Europa beherbergt zwar rund 16 Prozent der weltweiten Rechenzentren, kommt bei spezialisierter KI-Recheninfrastruktur jedoch auf weniger als fünf Prozent des globalen AI-Compute. Mistral gilt zudem als einziger europäischer Akteur mit nennenswerten LLM-Veröffentlichungen. Schließlich entfallen nur drei Prozent der weltweit neuen KI-Patente auf Europa, gegenüber 70 Prozent in den USA und 14 Prozent in China.
Der Bericht stützt sich auf Daten von Dealroom.co, einer 2013 in Amsterdam gegründeten globalen Daten- und Analyseplattform für Startups und Venture Capital. Die strategische Einordnung und die politischen Forderungen (etwa nach einer Mobilisierung von Pensionsfonds für KI-Investitionen) stammen dagegen maßgeblich von Prosus.
Das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam ist einer der größten Tech-Investoren Europas mit starken Beteiligungen in Food Delivery, Online-Kleinanzeigen, Fintech sowie zunehmend KI. Die Forderung nach mehr europäischem Wachstumskapital würde damit exakt die Art von Kapitalfluss freisetzen, von der Prosus als Investor direkt profitieren würde.
KI in Europa: Regulierung bremst, Kapital fehlt
KI und Europa sind zwei Themen, die sich noch nicht gefunden haben. Der Rückstand gegenüber den USA ist massiv: Die EU gibt mit rund 130 Milliarden Euro weniger als die Hälfte der USA für KI aus (OECD-Schätzung für 2023). Beim Wagniskapital steckten EU-Investoren 2025 rund 13,1 Milliarden US-Dollar in KI, US-Investoren 119,8 Milliarden. Strukturelle Probleme wie eine fragmentierte Regulierungslandschaft mit mehr als 100 technologiebezogenen Gesetzen und 270 Regulierungsbehörden bremsen den Fortschritt zusätzlich.
Die EU versucht gegenzusteuern: EU-Kommissarin Henna Virkkunen stellte im Oktober 2025 die "Apply AI Strategy" vor, die KI als "strategisches Asset" in Industrie und Verwaltung einbetten soll. Gleichzeitig drängen US-Konzerne wie OpenAI mit eigenen Blueprints auf den europäischen Markt, liefern dabei aber kaum verbindliche Zusagen. Kritiker warnen, dass Europa so weiterhin als Absatzmarkt für amerikanische KI-Technologien fungieren könnte, statt eigene technologische Souveränität aufzubauen.
Das größte Problem Europas ist wohl die mangelnde Infrastruktur. Es fehlen schlicht Konzerne wie Google, Amazon, Nvidia oder Meta, die Hunderte Milliarden in den Aufbau gigantischer Rechenzentren stecken. Selbst wenn die EU also beim Know-how auf akademischem Level konkurrieren könnte, hinkte die Infrastruktur für Entwicklung und Betrieb Jahre hinterher – mit keiner klaren Aussicht, wer diese Lücke füllen könnte. Nur ein EU-einheitlicher Ansatz scheint hier vielversprechend, ist aber komplex in der Organisation.
KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert
Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den „KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.
Jetzt abonnierenKI-News ohne Hype
Von Menschen kuratiert.
- Mehr als 20 Prozent Launch-Rabatt.
- Lesen ohne Ablenkung – keine Google-Werbebanner.
- Zugang zum Kommentarsystem und Austausch mit der Community.
- Wöchentlicher KI-Newsletter.
- 6× jährlich: „KI Radar“ – Deep-Dives zu den wichtigsten KI-Themen.
- Bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro Online-Events.
- Zugang zum kompletten Archiv der letzten zehn Jahre.
- Die neuesten KI‑Infos von The Decoder – klar und auf den Punkt.