Amazon listet ungefragt Produkte unabhängiger Shops via "Buy For Me"-KI
Kurz & Knapp
- Amazons KI-Tool "Buy For Me" listet Produkte von Online-Händlern automatisch auf dem Marktplatz, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Händler müssen sich aktiv per E-Mail abmelden.
- Mindestens 145 Marken berichten, dass ihre Produkte ohne Zustimmung auf Amazon erscheinen. Die automatisierten Listings enthalten teils fehlerhafte Produktfotos und ziehen Traffic von den eigenen Websites ab.
- Amazon verteidigt das Programm als Kundenservice, geht aber gleichzeitig juristisch gegen Drittanbieter wie Perplexity vor, die den Amazon-Marktplatz mit KI-Crawlern scrapen.
Mehrere Online-Händler berichten, dass Amazons KI-gestütztes Einkaufstool ihre Produkte ohne Erlaubnis auf dem Marktplatz anzeigt. Amazon verteidigt das Programm, doch die Kritik wächst.
Angie Chua verkauft seit 2016 Schreibwaren über ihre Marke Bobo Design Studio. Auf Amazon wollte sie nie präsent sein. Ende Dezember entdeckte sie dennoch ihren gesamten Produktkatalog auf dem Marktplatz des Konzerns, berichtet Modern Retail.
Der Auslöser: ungewöhnliche Bestellungen von einer E-Mail-Adresse mit dem Zusatz @buyforme.amazon. Viele dieser Bestellungen betrafen Produkte, die Chua gar nicht mehr führte oder die ausverkauft waren. So erfuhr sie von Amazons "Buy For Me", einem KI-gestützten Tool, das der Konzern im vergangenen Jahr vorgestellt hatte.
"Sie haben uns einfach in dieses Programm aufgenommen, von dem wir keine Ahnung hatten, und uns im Grunde zu Dropshippern für sie gemacht, gegen unseren Willen", sagte Chua gegenüber Modern Retail.
Wie "Buy For Me" funktioniert
Die Funktion ermöglicht es Kunden, Produkte von Drittanbieter-Websites zu kaufen, ohne Amazon zu verlassen. Die Listings erscheinen neben regulären Amazon-Suchergebnissen, gekennzeichnet mit einem "Buy for Me"-Button. Laut Amazon nutzt das System "agentic AI capabilities", um verschlüsselte Zahlungs- und Versandinformationen an die externen Shops zu übermitteln.
Das Problem: Händler werden offenbar automatisch in das Programm aufgenommen. Wer nicht teilnehmen will, muss sich aktiv per E-Mail an Amazon wenden.
Weitere Händler berichten von unerlaubten Listings
Chua ist nicht allein. Amanda Stewart, Gründerin der Kinderbekleidungsmarke Mochi Kids, entdeckte nach einem viralen Instagram-Video von Chua, dass 4.000 ihrer Produkte auf Amazon gelistet waren. Seit November erhielt sie rund 16 Bestellungen über "Buy For Me", einige davon hatte sie bereits ausgeführt, bevor sie die Herkunft bemerkte.
Auch Emi Moon von der Digitalkunst-Marke Peachie Kei fand ihren gesamten Shopify-Katalog auf Amazon, inklusive Geschenkkarten. "Das große Problem ist die Reputation", sagte Moon. "Ich will nicht mit Amazon in Verbindung gebracht werden."
Eine von Chua gestartete Umfrage ergab laut Modern Retail 145 Rückmeldungen von Marken, die glauben, dass ihre Produkte ohne Zustimmung auf Amazon gelistet wurden.
Fehlerhafte Listings und geschäftliche Konsequenzen
Die automatisierten Listings weisen teilweise erhebliche Fehler auf. Bei einem von Chuas Produkten, einem Vinyl-Sticker, zeigte Amazon ein Foto einer Hose, ein Produkt, das Chua nie verkauft hat. Zudem blieben nach der Entfernung sogenannte "Shell"-Listings mit SEO-Keywords bestehen, die Suchverkehr von Chuas eigener Website abziehen könnten.
Für manche Händler entstehen auch geschäftliche Komplikationen. Ein Großhandelspartner von Mochi Kids, der den Verkauf seiner Produkte auf Amazon vertraglich untersagt, kontaktierte Stewart besorgt, nachdem er die Listings entdeckt hatte.
Amazon verteidigt das Programm
Amazon erklärte gegenüber Modern Retail, dass "Buy For Me" und "Shop Direct" Programme seien, die Kunden helfen sollen, Marken zu entdecken, die nicht im Amazon-Store verkaufen. Das Unternehmen habe positive Rückmeldungen erhalten. Händler könnten sich jederzeit per E-Mail abmelden.
Amazon ging seinerseits 2025 aggressiv gegen Drittanbieter vor, die KI-Crawler zum Scrapen des Marktplatzes einsetzten, darunter Meta, Google und Perplexity. Im November schickte Amazon eine Unterlassungsaufforderung an Perplexity wegen dessen Comet-Browser, der Nutzern erlaubt, per KI-Agent auf Amazon einzukaufen. In einem Statement forderte Amazon, dass Shopping-Agenten von Drittanbietern "offen agieren und die Entscheidungen der Dienstanbieter respektieren" sollten.
Shopify hat als Reaktion eine "Robots & Agent policy" eingeführt, die unautorisiertes Scraping von Händler-Websites einschränken soll.
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