Jobkrise bei Codern, Textern und Co. begann vor ChatGPT: Studie widerspricht populärer KI-Erzählung
Kurz & Knapp
- Eine Studie von Forschern mehrerer US-Universitäten zeigt, dass die Jobaussichten in KI-exponierten Berufen wie Computer- und Mathematikberufen bereits Anfang 2022 schlechter wurden, also Monate vor dem ChatGPT-Release im November.
- Die Analyse ergab, dass der Anstieg des Arbeitslosigkeitsrisikos in diesen Berufsgruppen nach dem ChatGPT-Launch sogar abflachte, statt sich zu beschleunigen.
- Absolventen mit Fokus auf KI-exponierte Fähigkeiten wie Schreiben und Programmieren hatten nach dem ChatGPT-Launch höhere Einstiegsgehälter und fanden schneller Jobs.
Eine großangelegte Analyse von Millionen LinkedIn-Profilen und Arbeitslosendaten zeigt, dass die Verschlechterung der Jobaussichten in KI-exponierten Berufen bereits Anfang 2022 einsetzte, lange vor dem ChatGPT-Release im November.
Die öffentliche Debatte über generative KI und den Arbeitsmarkt folgt einer einfachen Erzählung: ChatGPT erschien im November 2022, und seitdem verschlechtern sich die Aussichten für Berufe, deren Aufgaben von Sprachmodellen übernommen werden könnten. Eine neue Studie von Forschern mehrerer US-Universitäten und ‑Institutionen stellt diese Chronologie nun infrage.
Das Forscherteam um Morgan Frank von der University of Pittsburgh analysierte drei umfangreiche Datensätze: monatliche Arbeitslosenversicherungsdaten des US-Arbeitsministeriums, 10,6 Millionen LinkedIn-Profile sowie 3 Millionen Universitäts-Lehrpläne. Das Ergebnis: Die Arbeitsmarktprobleme für KI-exponierte Berufe begannen bereits Anfang 2022, also Monate vor dem ChatGPT-Launch.
Arbeitslosigkeitsrisiko stieg ab Frühjahr 2022
Laut der Studie war das Arbeitslosigkeitsrisiko in LLM-exponierten Berufen wie Computer- und Mathematikberufen typischerweise 20 bis 80 Prozent niedriger als in weniger exponierten Berufen wie im Baugewerbe. Diese Lücke weitete sich während der Pandemiejahre 2020 und 2021 sogar aus, vermutlich wegen der besseren Homeoffice-Möglichkeiten dieser Berufsgruppen.
Ab Anfang 2022 kehrte sich der Trend jedoch um. Das Arbeitslosigkeitsrisiko in den am stärksten exponierten Berufsgruppen begann zu steigen, wobei Computer- und Mathematikberufe den größten Anstieg verzeichneten. Entscheidend dabei: Der Anstieg begann vor dem ChatGPT-Launch und flachte danach ab, anstatt sich zu beschleunigen.

Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass einzelne US-Bundesstaaten wie Kalifornien, Washington und Alaska durchaus Post-Launch-Anstiege zeigten. In diesen Fällen lasse sich eine Auswirkung der LLM-Verbreitung auf Berufe nicht ausschließen.
Hochschulabsolventen traf es früher als gedacht
Die Analyse der LinkedIn-Profile zeigt ein ähnliches Muster für Berufseinsteiger. Absolventenkohorten ab 2021 traten seltener in LLM-exponierte Jobs ein als frühere Jahrgänge. Diese Lücken öffneten sich jedoch bereits vor Ende 2022.
Vor dem ChatGPT-Launch benötigten Absolventen, deren erster Job in einem exponierten Berufsfeld lag, im Durchschnitt weniger Zeit für die Jobsuche als ihre Kommilitonen. Nach dem Launch kehrte sich dieses Verhältnis um: Absolventen der Jahrgänge 2023 und 2024 mit exponiertem Erstjob benötigten länger.

Die Forscher betonen, dass die Verschlechterung für die Kohorten 2021 und 2022 bereits Monate vor dem ChatGPT-Release einsetzte. Das deute auf andere Faktoren hin, die für die schlechteren Aussichten in diesen Berufsfeldern verantwortlich sein könnten: etwa die geldpolitische Straffung durch die US-Notenbank 2022/2023, den Rückgang von Stellenausschreibungen für Software-Entwickler oder eine Korrektur nach den erhöhten Einstellungen während der Pandemiejahre.
Bildung für KI-exponierte Tätigkeiten bleibt wertvoll
Die Forscher analysierten zudem Universitäts-Lehrpläne und ermittelten, wie stark ein Studiengang auf Fähigkeiten ausgerichtet war, die theoretisch von LLMs übernommen werden könnten, also insbesondere Schreiben, Programmieren, Informationsrecherche und -synthese.
Wenn ChatGPT diese Fähigkeiten tatsächlich "überflüssig" macht, sollten Absolventen mit solchen Schwerpunkten nach dem ChatGPT-Launch schlechtere Jobaussichten haben. Ihre erlernten Fähigkeiten wären ja nun durch KI ersetzbar.
Doch das Gegenteil trat ein: Absolventen, deren Studium stark auf diese "KI-exponierten" Fähigkeiten ausgerichtet war, hatten nach dem ChatGPT-Launch höhere Einstiegsgehälter und fanden schneller einen Job.
Die Fähigkeiten, die LLMs betreffen, sind demnach offenbar nicht wertlos geworden. Stattdessen scheinen sie weiterhin oder sogar verstärkt gefragt zu sein, möglicherweise weil Arbeitgeber Menschen benötigen, die LLMs kompetent einsetzen, deren Output bewerten oder mit ihnen zusammenarbeiten können, oder weil die Adaption von KI schlicht nicht fortgeschritten genug ist. Die Forscher warnen daher davor, KI-exponierte Fähigkeiten aus Studienprogrammen zu streichen.
ChatGPT-Launch kein verlässlicher Maßstab für KI-Arbeitsmarkteffekte
Die Studie räumt mehrere Einschränkungen ein. Die Gehaltsdaten basieren auf einem maschinellen Lernmodell und konnten nicht gegen tatsächliche Gehälter verifiziert werden. Die Untersuchung der Lehrpläne stützt sich auf Daten vor 2020 und erfasst daher keine curricularen Reaktionen auf ChatGPT. Zudem identifiziert die Studie keine kausalen Effekte von LLMs auf Arbeitsmarktergebnisse.
Die Forscher ziehen trotz dieser Einschränkungen ein klares Fazit: Der ChatGPT-Launch sollte nicht als "sauberes natürliches Experiment" für die Arbeitsmarkteffekte von KI behandelt werden. Studien, die die Arbeitsmarktschwäche nach 2022 primär LLMs zuschreiben, riskierten eine Verwechslung von KI-Verbreitung mit gleichzeitigen makroökonomischen Verschiebungen.
Erst kürzlich warnte Anthropic-CEO Dario Amodei, dass KI die Hälfte aller Einstiegspositionen im Bürobereich eliminieren könnte. Solche Aussagen befeuern die öffentliche Wahrnehmung, dass generative KI unmittelbar für Arbeitsplatzverluste verantwortlich sei. Die neue Studie legt nahe, dass die Realität komplexer ist und makroökonomische Faktoren eine größere Rolle spielen könnten als bisher angenommen.
Amodei und Demis Hassabis, CEO von Google Deepmind, sagten kürzlich beim Weltwirtschaftsforum in Davos, dass sie in ihren eigenen Unternehmen im Juniorbereich bereits erste Einschnitte sähen. Beide prognostizierten, dass diese Effekte 2026 stärker in der breiten Wirtschaft ankommen werden.
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