Das "Ozempic" der Musikindustrie: KI ist überall, aber niemand spricht darüber
Kurz & Knapp
- Laut einer Recherche des Rolling Stone nutzen Top-Produzenten und Songwriter KI-Musikgeneratoren bereits massiv in ihrer Arbeit, schweigen aber aus Angst vor öffentlicher Kritik.
- Besonders im Hip-Hop ist der Wandel drastisch: Laut Produzent Young Guru, langjähriger Toningenieur von Jay-Z, basiert mittlerweile mehr als die Hälfte des sample-basierten Hip-Hops auf KI-generierten Retro-Samples statt auf lizenzierten Originalaufnahmen.
- Während etablierte Songwriter von der Geschwindigkeit profitieren – fertige Demos entstehen in Minuten statt Stunden –, verlieren Session-Musiker, Studio-Assistenten und Autoren der zweiten Reihe ihre Aufträge.
Laut einer umfassenden Recherche des Rolling Stone sind KI-Generatoren längst fester Bestandteil professioneller Musikproduktion. Top-Produzenten und Songwriter nutzen die Technologie im Verborgenen.
Als das "Ozempic" der Musikbranche sei ihm sein eigenes Tool beschrieben worden, sagte Suno-CEO Mikey Shulman Anfang des Jahres The Guardian. Jeder nutze es, niemand rede darüber.
Diese strikte "Don't ask, don't tell"-Mentalität ist bei Top-Produzenten und Songwritern laut einer umfassenden Recherche des Rolling Stone mittlerweile weit verbreitet. Sie setzen die Technologie massiv ein, schweigen aber öffentlich aus Angst vor einem Shitstorm. Als Warnung dient der Fall des Sängers Teddy Swims, der nach einem offenen Bekenntnis zur KI-Nutzung heftige Kritik einstecken musste.
Produzent David Baron zeigt sich laut der Recherche überzeugt, dass KI-generierte Musik bereits in den Billboard-Charts gelandet ist. Lauren Christy, Songwriterin für Avril Lavigne und Britney Spears, fasst es nüchtern zusammen: "Der Zug ist abgefahren." Der Grund für die fehlende Transparenz: Die großen Labels verfügen über keine funktionierende Software, um KI-Musik zuverlässig zu erkennen. Stattdessen verlasse sich die Branche auf ein bloßes "Ehrensystem".
Über die Hälfte neuer Hip-Hop-Samples soll KI-generiert sein
Besonders drastisch zeigt sich der Wandel im Hip-Hop. Statt echte Soul-Platten aus den 60er- oder 70er-Jahren zu lizenzieren oder Studiomusiker zu engagieren, lassen Produzenten die KI fiktive Retro-Samples generieren. Produzent Young Guru, langjähriger Toningenieur von Jay-Z, schätzt, dass mittlerweile "mehr als die Hälfte" des sample-basierten Hip-Hops auf diese Weise entsteht.
Die Qualität der KI-generierten Stimmen hat ein Niveau erreicht, das selbst Profis verunsichert. Christy berichtet von einer Sängerin, die nach dem Anhören eines KI-Demos frustriert reagierte: "Ich hasse diesen Roboter. Sie singt es besser als ich."
Die verbreitete Nutzung lässt sich auch quantifizieren: Laut einer Umfrage von Sonarworks unter mehr als 1.100 Produzenten, Toningenieuren und Songwritern experimentieren sieben von zehn Befragten zumindest gelegentlich mit KI-Tools, jeder Fünfte nutzt sie regelmäßig. Die meisten setzen die Technologie für eng umrissene, zeitsparende Aufgaben ein: Audio-Restaurierung, Stem Separation und Mastering. Auch das sogenannte Sonic Matching, die Übertragung des Klangcharakters einer Referenzaufnahme auf den eigenen Mix, dauert dank KI nur noch Minuten statt Stunden oder Tage.
Die Kleinen erwischt es am härtesten
Die Geschwindigkeit, mit der KI fertige Demos liefert, verändert die Arbeitsabläufe grundlegend. Christy erhielt laut der Recherche eine SMS von einem "großen Star", der nach neuen Songs suchte. Sie fütterte ihre Texte und Akkorde in eine KI, schickte innerhalb kürzester Zeit ein fertiges Demo zurück. Der Star wollte den Song aufnehmen.
Während solche Szenarien für etablierte Songwriter neue Möglichkeiten eröffnen, bricht der Markt für die zweite Reihe weg. Session-Musiker, die früher Demos einsangen, und Studio-Assistenten verlieren laut Rolling Stone ihre Aufträge. Auch der Markt für Stock- und Produktionsmusik, etwa für kleinere TV-Produktionen, sei praktisch "erledigt".
Songwriterin Michelle Lewis, die unter anderem für Cher und Hilary Duff geschrieben hat und die Interessenvertretung Songwriters of North America (SONA) mitgründete, berichtet, dass Autoren in Nashville und Los Angeles Tools wie Suno nutzen, um aus Texten und Akkorden vollständig arrangierte Demos zu generieren.
"Im Privaten sagen Songwriter: 'Das ist ziemlich großartig'", sagt Lewis. "Man muss sein Copyright nicht teilen, kann allein schreiben und braucht keinen Produzenten zu bezahlen." Lewis, die auch im Bereich Kinderanimation arbeitet, bezeichnet diesen Markt als "leichte Beute" für KI-Ersatz. Insgesamt arbeite "niemand mehr".
KI-Copyright-Probleme als Schreckgespenst
Unsicherheit herrscht weiter beim Thema Copyright. Zum einen ist unklar, ob die Musikgeneratoren selbst rechtens sind: Marktführer Suno ist derzeit in Urheberrechtsstreits verwickelt, hat aber bereits angekündigt, die Musikindustrie im Laufe des Jahres mit noch stärkeren Modellen enger einzubinden.
Das gerade veröffentlichte Suno 5.5 bietet eine beeindruckende Qualität und kann erstmals auch die eigene Stimme in Songs einbinden. Eine Suno-Investorin räumte kürzlich ein, der Musikgenerator stehe in direkter Konkurrenz zu menschlicher Musik. Das ist insofern pikant, als es vor Gericht ein Argument gegen Fair Use sein könnte.
Auch Google bietet bereits einen Musikgenerator an und betont, Lyria 3 sei ausschließlich auf Inhalten trainiert worden, bei denen Google die Erlaubnis dazu hatte. OpenAI soll angeblich demnächst folgen.
Andererseits sind Künstlerinnen und Künstler unsicher, ob KI-generierte Inhalte, sei es Text, Bild oder Ton, überhaupt unter Copyright gestellt werden können. Ein KI-Song ohne Copyright wäre letztlich wertlos. Bei KI-generierten Samples steht zudem die Frage im Raum, ob eine ausreichende Schöpfungshöhe erreicht wurde. Bisher handelt es sich um Einzelfallentscheidungen, die zumeist gegen KI urteilen.
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