KI-Produktivitätsschub in den USA angeblich erstmals messbar
Kurz & Knapp
- Laut Erik Brynjolfsson, Direktor des Stanford Digital Economy Lab, deuten neue US-Wirtschaftsdaten auf messbare KI-bedingte Produktivitätsgewinne hin.
- Bei nach unten korrigiertem Beschäftigungswachstum und gleichzeitig starkem BIP-Wachstum von 3,7 Prozent schätzt er den Produktivitätszuwachs 2025 auf etwa 2,7 Prozent – fast doppelt so viel wie der Zehnjahresdurchschnitt.
- Brynjolfsson verweist auf die sogenannte Produktivitäts-J-Kurve: Große Technologien bringen erst nach einer Investitionsphase mit Umstrukturierungen und Schulungen messbare Gewinne. Diese Phase sei nun vorbei.
Neue Wirtschaftsdaten deuten laut Erik Brynjolfsson, Direktor des Stanford Digital Economy Lab, darauf hin, dass KI die Produktivität in den USA messbar steigert.
Laut aktualisierten Zahlen des Bureau of Labor Statistics wurde das US-Beschäftigungswachstum um rund 403.000 Stellen nach unten korrigiert, bei gleichzeitig starkem BIP-Wachstum von 3,7 Prozent im vierten Quartal, schreibt er in einem Gastbeitrag für die Financial Times.
Weniger Arbeitskräfte bei hoher Wirtschaftsleistung seien ein "eindeutiges Zeichen für Produktivitätswachstum", so Brynjolfsson. Er schätzt den US-Produktivitätszuwachs 2025 auf etwa 2,7 Prozent – fast doppelt so viel wie der Durchschnitt der letzten zehn Jahre, der bei 1,4 Prozent lag.
Brynjolfsson verweist auf die sogenannte Produktivitäts-J-Kurve, die er in früherer Forschung beschrieben habe: Große Technologien wie die Dampfmaschine oder der Computer bringen nicht sofort messbare Gewinne. Zunächst müssen Unternehmen ihre Abläufe umbauen, Mitarbeiter schulen und neue Geschäftsmodelle entwickeln. In dieser Phase sinkt die gemessene Produktivität sogar. Laut Brynjolfsson zeigen die aktuellen US-Daten, dass diese Investitionsphase nun vorbei sei und "die Ernte beginne".
In einer eigenen Studie aus dem letzten Jahr will er zudem einen Rückgang von Einstellungen bei Berufseinsteigern in KI-nahen Branchen um rund 16 Prozent festgestellt haben. Allerdings ist Vorsicht geboten: Der Rückgang bei Neueinstellungen kann auch andere Gründe haben, etwa die massiven Übereinstellungen der Tech-Branche in den Vorjahren und anschließende Sparmaßnahmen.
Brynjolfsson räumt selbst ein, dass Produktivitätsdaten stark schwanken und mehrere Quartale nötig seien, um einen Trend zu bestätigen. Hinzu kommt: Brynjolfsson ist Mitgründer von Workhelix, einem Unternehmen, das Firmen bei der KI-Einführung berät – er hat also ein geschäftliches Interesse daran, den Nutzen von KI hervorzuheben.
KI-Produktivitätsgewinne lassen sich kaum messen
Grundsätzlich ist es schwierig, Produktivitätsgewinne gezielt auf KI zurückzuführen. Makrodaten zeigen allenfalls eine Korrelation mit KI‑Effekten, nicht den kausalen Anteil. Das BIP-Wachstum ist zwar ein anerkannter Indikator, aber ein extrem grobes Werkzeug – es bildet die gesamte Wirtschaftsleistung ab, nicht den Beitrag einzelner Technologien.
Brynjolfssons auffälligste Lücke dürfte sein, dass das von ihm angeführte BIP-Wachstum zu einem großen Teil von den enormen Investitionen in die KI-Infrastruktur selbst getrieben sein könnte, also von den Milliarden, die in Rechenzentren und Chips fließen, und nicht von tatsächlichen Produktivitätsgewinnen durch den Einsatz von KI.
In vielen Unternehmen selbst fehlen zudem verlässliche Methoden, um die Produktivität von Wissensarbeit zu messen. Wer E-Mails schreibt, Strategien entwickelt oder Berichte erstellt, dessen Leistung lässt sich oft nicht in einfachen Kennzahlen erfassen. Wenn aber schon die Ausgangsmessung fehlt, lässt sich auch keine Steigerung durch KI seriös beziffern. Es fehlt der belastbare Vorher-Nachher-Vergleich.
Daher bleibt vieles, was derzeit über KI-bedingte Produktivitätsgewinne gesagt wird, Spekulation, gestützt auf mitunter plausible, aber unscharfe Daten. Es wird also noch eine Weile anekdotisch bleiben, sofern keine eindeutig der KI zuordbaren Massenentlassungswellen kommen.
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