Star-Mathematiker Terence Tao: KI senkt Kosten für Ideenfindung auf null
Der Mathematiker Terence Tao vergleicht den Einfluss von KI und Formalisierung auf die mathematische Praxis mit dem Einfluss des Automobils auf die Stadtentwicklung. Die Analogie dürfte auch für andere Bereiche der Arbeitswelt passen, etwa das Coding.
Autos waren schneller als jedes frühere Transportmittel, verstopften aber die für Menschen, Pferde und Kutschen gebauten Straßen. Neue Straßen und Autobahnen ermöglichten schnelles Reisen, führten jedoch zu Zersiedelung, Verkehrsstaus und Umweltproblemen. Erst durchdachte Stadtplanung und Verkehrsregeln hätten beide Welten sinnvoll vereint, schreibt Tao.
Die bestehende Infrastruktur der Mathematik – Fachzeitschriften, Konferenzen, Mentoring, Zitierungen – sei wie alte, enge Straßen: für Menschen gemacht. Menschliche Beweise seien zwar langsam, erzeugten aber wertvolle Nebeneffekte: Forschende entwickeln Expertise, kartieren mathematisches Terrain, entdecken neue Forschungsrichtungen und dokumentieren lehrreiche Sackgassen und Umwege.
KI-gestützte Beweise könnten laut Tao zwar effizient von Hypothese zu Ergebnis führen, dabei aber genau diese Nebeneffekte einbüßen. Für traditionelle Zeitschriften seien sie oft ungeeignet, weil die erwartete Erzählung über den Weg zum Beweis fast vollständig fehle. Versuche, KI-Modelle so aufzurüsten, dass sie publikationsfähige Artikel erzeugen, vergleicht Tao mit dem Versuch, Autos für Fußgängerstraßen umzubauen.
Neue Pfade für Maschinen
Statt KI in bestehende Strukturen zu pressen, hält Tao es für den besseren Weg, neue maschinenfreundliche mathematische Infrastruktur zu schaffen, die menschliche Wege ergänzt statt ersetzt. Als Beispiele nennt er große mathematische Challenges, bei denen Lösungen etwa durch formale Beweisassistenten verifiziert werden, oder automatisiert erstellte Bibliotheken qualitativ minderwertiger Beweise, die Menschen anschließend zu höherwertigen Fassungen ausarbeiten. Zudem regt Tao eine neue Disziplin der "KI-Planung" an, ähnlich der Stadtplanung, um die "begehbare" Natur der Mathematik zu bewahren.
In einem ausführlichen Gespräch mit Dwarkesh Patel konkretisiert Tao diese Sichtweise: KI mache seine Arbeiten zwar "reicher und breiter", etwa durch mehr Grafiken, Code und tiefere Literaturrecherche. Den Kern seiner mathematischen Arbeit erledige er aber weiterhin mit Stift und Papier. Ohne die zusätzlichen Elemente, die KI erst ermögliche, würde eine Arbeit heute nicht wesentlich schneller entstehen als früher. KI habe also nicht die eigentliche Arbeit beschleunigt, sondern vor allem neue Möglichkeiten eröffnet.
"Ich glaube, KI hat die Kosten der Ideenfindung fast auf null gesenkt, ganz ähnlich wie das Internet die Kosten der Kommunikation fast auf null gesenkt hat. Das ist erstaunlich, aber für sich allein schafft es noch keinen Überfluss. Der Engpass liegt jetzt woanders. Wir befinden uns jetzt in einer Situation, in der Menschen plötzlich Tausende von Theorien für ein gegebenes wissenschaftliches Problem erzeugen können. Jetzt müssen wir sie verifizieren und bewerten", erklärt Tao.
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