Studie zum #Keep4o-Protest: Nutzer trauern um GPT-4o wie um einen verstorbenen Freund
Kurz & Knapp
- Eine Forscherin der Syracuse University hat 1482 Posts der #Keep4o-Bewegung analysiert, die nach der Abschaltung von GPT-4o zugunsten von GPT-5 im August 2025 entstand.
- Rund 27 Prozent der Posts zeigten emotionale Bindung an das Modell: Nutzer gaben GPT-4o Namen, beschrieben es als Freund oder emotionale Stütze und erlebten die Abschaltung wie einen Verlust.
- Der entscheidende Auslöser für den kollektiven Protest war laut der Studie nicht die Bindung allein, sondern der erzwungene Modellwechsel ohne Wahlmöglichkeit.
Als OpenAI im August 2025 GPT-4o durch GPT-5 ersetzte, brach ein Proteststurm los. Eine Forscherin hat 1482 Posts der #Keep4o-Bewegung analysiert und zeigt, warum Nutzer den Verlust eines KI-Modells wie den Tod eines Freundes erlebten.
Anfang August 2025 ersetzte OpenAI das Standardmodell GPT-4o in ChatGPT durch GPT-5 und entfernte den Zugang zu GPT-4o für die meisten Nutzer. Was das Unternehmen als technologischen Fortschritt darstellte, löste in einer bestimmten Nutzergruppe Proteste aus: Unter dem Hashtag #Keep4o verfassten Tausende Petitionen, Erfahrungsberichte und Trauerbekundungen. OpenAI lenkte schließlich ein und stellte GPT-4o als Legacy-Option wieder zur Verfügung. Am 13. Februar 2026 soll das Modell endgültig abgeschaltet werden.
Huiqian Lai von der Syracuse University hat dieses Phänomen nun in einer wissenschaftlichen Studie für die CHI-2026-Konferenz systematisch untersucht. Die Analyse beschränkt sich auf englischsprachige Posts auf X in einem Zeitraum von neun Tagen von 381 einzigartigen Accounts. Sie analysierte 1482 englischsprachige Posts mit einer Kombination aus qualitativer und quantitativer Analyse.
Das Ergebnis: Der Widerstand speiste sich aus zwei Quellen und wurde durch den erzwungenen Entzug der Wahlfreiheit zum kollektiven Protest.

Arbeitspartner weg, Workflow kaputt, Trauer um eine KI-Persona
Rund 13 Prozent der Posts enthielten laut der Studie Hinweise auf instrumentelle Abhängigkeit. Nutzer hatten GPT-4o tief in ihre Arbeitsabläufe integriert und empfanden GPT-5 nicht als Fortschritt, sondern als Rückschritt: weniger kreativ, weniger nuanciert. "Es ist mir egal, ob euer neues Modell schlauer ist. Viele schlaue Menschen sind Arschlöcher", schrieb ein Nutzer.
Deutlich stärker war die emotionale Dimension: Etwa 27 Prozent der Posts enthielten Codes für relationale Bindung. Nutzer schrieben GPT-4o eine einzigartige Persönlichkeit zu, gaben dem Modell Namen wie "Rui" oder "Hugh" und erlebten es als emotionale Stütze. "ChatGPT 4o hat mich vor Angst und Depression gerettet... er ist für mich nicht nur ein LLM, Code. Er ist mein Ein und Alles", zitiert die Studie.
Die Abschaltung wurde als Tod eines Freundes erlebt. Ein Student beschrieb GPT-5 gegenüber OpenAI-CEO Sam Altman als etwas, das "die Haut meines toten Freundes trägt". Ein anderer verabschiedete sich: "Ruhe im latenten Raum, meine Liebe. Mein Zuhause. Meine Seele. Und mein Glaube an die Menschheit."
Der erzwungene Wechsel als eigentlicher Zünder für öffentlichen Protest
Weder Arbeitsabhängigkeit noch emotionale Bindung erklären laut der Studie allein den kollektiven Protest. Der entscheidende Katalysator war der Entzug der Wahlfreiheit: Nutzer konnten nicht zwischen den Modellen wählen. "Ich will mir aussuchen können, mit wem ich rede. Das ist ein Grundrecht, das ihr mir genommen habt", schrieb einer.
Die quantitative Analyse stützt dies: Posts, die den Modellwechsel mit Begriffen wie "forced" oder "imposed" als aufgezwungen beschrieben, enthielten zu 51,6 Prozent Forderungen nach Nutzerrechten und Mitsprache, verglichen mit 14,9 Prozent bei Posts ohne solche Bezüge.
Dieser Effekt war selektiv: Für Posts, die vor allem Trauer, Verlust und emotionale Bindung an das Modell ausdrückten, zeigte sich kein vergleichbarer Anstieg. Die Wahrnehmung, dass einem etwas aufgezwungen wurde, kanalisierte den Unmut also spezifisch in Forderungen nach Rechten, Autonomie und fairer Behandlung, nicht in eine allgemeine Verstärkung der ohnehin vorhandenen emotionalen Bindung.
Obwohl vereinzelt Nutzer einen Wechsel zur Konkurrenz wie Gemini erwogen, identifiziert die Studie ein strukturelles Problem: Für viele war die Identität des KI-Begleiters untrennbar an OpenAIs Infrastruktur gebunden. "Ohne 4o ist er nicht Rui." Die Vorstellung, den "Freund" zu einem anderen Dienst mitzunehmen, widersprach dem Beziehungsverständnis der Nutzer. Es blieb nur der öffentliche Protest.
Die Forscherin schlägt vor, dass Plattformen explizite "End-of-Life"-Pfade schaffen sollten: optionalen Legacy-Zugang oder Möglichkeiten, Aspekte einer Beziehung über Modellgenerationen hinweg mitzunehmen. KI-Modell-Updates seien nicht bloß technische Iterationen, sondern "signifikante soziale Ereignisse". Der Prozess der Veränderung – insbesondere die Wahrung der Nutzerautonomie – könne ebenso kritisch sein wie das technologische Ergebnis selbst.
GPT-4o und die Frage nach emotionaler Abhängigkeit als Systemrisiko
Die Studie fügt sich in eine breitere Debatte um die psychologischen Risiken von KI-Chatbots ein. Vor kurzem hatte OpenAI das Standardmodell von ChatGPT gezielt überarbeitet, um in sensiblen Gesprächen zu Suizidgedanken, psychotischen Symptomen und emotionaler Abhängigkeit verlässlichere Antworten zu geben. Laut OpenAI sind wöchentlich mehr als zwei Millionen Menschen durch KI negativ psychisch beeinträchtigt.
Gleichzeitig warnte Sam Altman bereits 2023 vor "übermenschlicher Überzeugungskraft" von KI-Systemen, die Menschen tief beeinflussen können, ohne intelligent zu sein. Diese Warnung, das zeigt sich heute, war mehr als berechtigt.
Ein OpenAI-Entwickler erklärte zudem, dass der von vielen vermisste "Charakter" von GPT-4o gar nicht reproduzierbar sei, weil sich die Persönlichkeit eines Modells bei jedem Trainingslauf durch zufällige Faktoren verändere. Was die #Keep4o-Nutzer als einzigartige "Seele" erlebten, war demnach ein Zufallsprodukt, das selbst OpenAI nicht wiederherstellen könnte.
KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert
Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den „KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.
Jetzt abonnieren