Anzeige
Skip to content

Tausende Beschaffungsdokumente zeigen, wie Chinas Armee KI zur Waffe machen will

Image description
Nano Banan Pro prompted by THE DECODER

Kurz & Knapp

  • Forscher der Georgetown University haben Tausende Beschaffungsanträge des chinesischen Militärs ausgewertet. Peking erprobt KI demnach breit militärisch – von Drohnenschwärmen über autonome Unterwasserfahrzeuge bis hin zu Deepfake-Werkzeugen für Desinformation.
  • Die PLA setzt auf schnelle, günstige Experimente statt auf technologische Sprünge. KI-Entscheidungssysteme sollen die geringe Kampferfahrung des Offizierskorps ausgleichen, was die Forscher als Eskalationsrisiko einstufen.
  • Die USA hätten noch Vorteile bei Rechenleistung und Erfahrung, doch langsame Beschaffung und Konflikte mit KI-Firmen wie Anthropic schwächten ihre Position.

Forscher der Georgetown University haben Tausende Beschaffungsanträge der chinesischen Volksbefreiungsarmee analysiert. Die Dokumente zeigen, wie breit Peking KI bereits militärisch erprobt, von Drohnenschwärmen über Deepfake-Werkzeuge bis hin zu autonomen Entscheidungssystemen.

Bei Chinas Militärparade im September 2025 standen nicht Panzer oder marschierende Truppen im Mittelpunkt, sondern unbemannte Bodenfahrzeuge, Unterwasser- und Luftdrohnen sowie autonome Kampfflugzeuge, die künftig neben bemannten Jets fliegen sollen. Drei Forscher des Center for Security and Emerging Technology (CSET) an der Georgetown University haben nun in Foreign Affairs dargelegt, was hinter dieser Inszenierung steckt.

Sam Bresnick, Emelia S. Probasco und Cole McFaul haben dafür Tausende öffentlich zugängliche Beschaffungsanträge der Volksbefreiungsarmee (PLA) aus den vergangenen drei Jahren ausgewertet.Die PLA erpropt demnach KI-Systeme für unbemannte Kampffahrzeuge, Cyberabwehr, Schiffsverfolgung, Zielerfassung an Land, auf See und im Weltraum sowie für Deepfake-gestützte Desinformation. Die Breite der Experimente und das Tempo der Erprobung seien bemerkenswert, so die Autoren.

Drohnenschwärme, Roboterhunde und ein misstrauischer Generalstab

Chinas Militärmodernisierung folgt laut den Forschern drei überlappenden Phasen: Mechanisierung, die digitale Vernetzung von Plattformen und Sensoren und schließlich intelligente Kriegsführung, also die Anwendung von KI zur Automatisierung von Operationen und Entscheidungsfindung. Bei den ersten beiden Phasen habe China bereits erhebliche Fortschritte erzielt. Die Beschaffungsdokumente zeigten nun, dass die PLA die dritte Phase mit erheblichem Druck vorantreibe.

Anzeige
DEC_D_Incontent-1

Konkret entwickelt das chinesische Militär laut den Dokumenten Schwärme von Luftdrohnen, die eigenständig Ziele identifizieren, verfolgen und koordiniert angreifen sollen. Daneben finden sich Anforderungen für Roboterhunde und humanoide Roboter. Im Weltraum arbeitet die PLA an Algorithmen zur Satellitenbekämpfung sowie an kleinen Robotern, die sich an gegnerische Satelliten heften und diese deaktivieren sollen. Unter Wasser setzt Peking auf autonome Fahrzeuge und Sensornetzwerke mit dem Ziel, langfristig US-U-Boote weltweit verfolgen zu können.

Es gibt auch Vorhaben zur KI-gestützten Entscheidungsunterstützung. Chinas politische und militärische Führung misstraue der eigenen Befehlskette und befürchte, in einem sich schnell entwickelnden Konflikt überfordert zu sein, schreiben die Autoren. KI-Entscheidungssysteme sollen die Bewegungen eines Gegners antizipieren und so die begrenzte Kampferfahrung der PLA kompensieren. PLA-Offiziere und -Soldaten nutzten bereits KI-Systeme, um virtuelle Schlachtfelder zu simulieren und gegnerisches Verhalten zu modellieren.

Kognitive Kriegsführung: Deepfakes als Waffe

Im Bereich der Informationsoperationen gehen die PLA-Ambitionen über klassische Cyberabwehr hinaus. Mehrere Beschaffungsdokumente fordern laut den Forschern explizit Deepfake-Technologien. Das Militär betrachte KI-generierte Bilder, Videos und Audiodateien als wirksame Instrumente, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und die Wahrnehmung und Entscheidungsfindung von Gegnern während Konflikten zu manipulieren.

Während sich US-Initiativen zur KI-gestützten Entscheidungsfindung eher auf Planung und Kräftemanagement konzentrierten, etwa Palantirs Maven Smart System oder das Joint Fires Network des Indo-Pazifik-Kommandos, entwickle die PLA darüber hinaus Systeme, die internationale Nachrichten verfolgen, politische Ansichten ausländischer Bevölkerungen identifizieren, soziale Unruhen vorhersagen und die Wahrnehmung von Gegnern manipulieren sollen.

Anzeige
DEC_D_Incontent-2

Schnelle Experimente statt Warten auf Durchbrüche

Peking wartet laut den Forschern nicht auf technologische Durchbrüche, sondern experimentiert mit dem, was verfügbar ist, und setzt darauf, dass sich inkrementelle Fortschritte über die Zeit summieren. Viele der untersuchten Dokumente enthalten kurze Entwicklungszeiträume, die schnelle und relativ kostengünstige Erprobung ermöglichen. Subventionen, Steueranreize und andere Vorteile sollen zivile Technologiefirmen dazu bewegen, ihre Produkte für militärische Zwecke umzuwidmen. Diese zivil-militärische Verschränkung erlaube es der PLA, von Chinas Stärken in Bereichen wie Smart Manufacturing, Robotik und Batterietechnologie zu profitieren.

Einige Ansätze ähneln dabei US-Programmen wie der Replicator Initiative des Pentagon oder dem CJADC2-Konzept. Die Autoren sprechen von einem "Zyklus iterativer technologischer Veränderungen", in dem sich Washington und Peking gegenseitig hochschaukelten. Der Ausgang des Wettbewerbs hänge davon ab, welche Seite schneller neue Fähigkeiten entwickeln und skalieren könne. Technologische Vorteile seien dabei möglicherweise hart erkämpft, aber kurzlebig.

Überautomatisierung als Eskalationsrisiko

Die Georgetown-Forscher warnen vor einem grundlegenden Risiko: Während das US-Militär "angemessene menschliche Urteilsfähigkeit" durch erfahrenes Personal verlange, könnte die PLA versucht sein, KI-Entscheidungssysteme als Ersatz für ihr schwaches und unerfahrenes Offizierskorps einzusetzen. Eine Überabhängigkeit von computergenerierten Analysen könne zu Fehlinterpretationen militärischer und diplomatischer Signale und zu fehlerhaften militärischen Entscheidungen führen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Da manche KI-Entscheidungssysteme auf frei zugängliche Daten angewiesen seien, könnten Militärs dazu verleitet werden, die Informationsumgebung gezielt zu manipulieren, etwa durch das Fluten sozialer Medien mit falschen Signalen oder die Störung kommerzieller Satellitenbildanbieter. Solche Angriffe zielten darauf, die KI-Werkzeuge eines Gegners zu täuschen, und könnten zu unbeabsichtigter Eskalation führen.

Gleichzeitig bleibe der Weg zur intelligenten Kriegsführung nicht ohne Hürden. Der Krieg in der Ukraine habe gezeigt, dass die Entwicklung autonomer Drohnen etwas anderes sei als ihr effektiver Einsatz auf umkämpften Schlachtfeldern. Die PLA verfüge über begrenzte Kampferfahrung, und es fehlten ihr viele der für militärisches KI-Training notwendigen Datensätze, etwa klassifizierte Bilder von militärischen Plattformen oder elektromagnetische Signaturen verschiedener Radar- und Waffensysteme

Washington in der Zwickmühle

Die USA sehen die Autoren in einer paradoxen Lage. Einerseits verfüge das US-Militär noch über Vorteile bei Rechenleistung, technischem Personal und operativer Erfahrung. Andererseits habe Washington zuletzt das KI-Unternehmen Anthropic als Lieferkettenrisiko eingestuft und damit einen führenden Frontier-KI-Anbieter de facto von der Regierungszusammenarbeit ausgeschlossen. Die Forscher bezeichnen dies als besorgniserregend: Nationale Sicherheit erfordere den Ausbau solcher Partnerschaften, nicht "dramatische öffentliche Auseinandersetzungen".

Der US-Beschaffungsprozess bewege sich seit Langem in "glazialem Tempo". Der National Defense Authorization Act 2026 enthalte zwar Reformen, und Verteidigungsminister Pete Hegseth habe das Pentagon angewiesen, einen "Wartime Approach" gegenüber Blockierern einzunehmen. Doch Beschaffungsreform allein reiche nicht. Das Pentagon müsse engere Beziehungen zu Frontier-KI-Laboren aufbauen und nicht nur Technologielizenzen erwerben, sondern auch Feldingenieure und Datenwissenschaftler einbinden. Zudem brauche es neue Standards für den Umgang mit KI-gestützter Täuschung und diplomatische Kanäle für Normen zum verantwortungsvollen Einsatz militärischer KI.

Pekings dritte Phase der Militärmodernisierung sei in vollem Gange, so das Fazit der Forscher. Selbst wenn einzelne KI-Systeme scheiterten, werde die schnelle Erprobung das Lernen und die Verbesserung beschleunigen. China positioniere sich, um den Abstand zum US-Militär eng zu halten.

KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert

Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den „KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.

Quelle: ForeignAffairs