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Das KI-Suchmaschinen-Start-up Perplexity schreibt für seine "Perplexity Pages" Medieninhalte teilweise wörtlich ab und verlinkt sie nur unzureichend. Das ist rechtlich fragwürdig - und weist auf grundsätzliche Probleme hin.

Das neue Feature "Perplexity Pages" von Perplexity.ai ermöglicht es Nutzern, Inhalte zu einem bestimmten Thema zusammenzustellen. Allerdings scheint auch Perplexity selbst das Tool zu nutzen - und zwar auf fragwürdige Weise.

Wie Forbes und andere Medien berichten, bestehen einige Perplexity Pages zum großen Teil aus Exklusivbeiträgen verschiedener Publikationen wie Forbes, CNBC und Bloomberg. Die Posts auf Perplexity enthalten teilweise wörtlich übernommene Passagen und haben bereits Zehntausende Aufrufe generiert. Ein Teil der Inhalte befand sich hinter Bezahlschranken.

Eine Quellenkennzeichnung erfolgt nur durch kleine, leicht zu übersehende Logos, die auf die Originalartikel verlinken. Die Namen der Medien werden im Text selbst nicht genannt, berichtet Forbes.

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So enthält ein Post von Perplexity über das Stealth-Drohnen-Projekt des ehemaligen Google-CEO Eric Schmidt mehrere offenbar von Forbes übernommene Fragmente, darunter eine Grafik. Forbes hatte in den vergangenen Monaten exklusiv über Schmidts geheime Aktivitäten berichtet.

Bild: John Paczkowski via X

Perplexity-CEO versteht weder Journalismus noch sein eigenes Produkt

Aravind Srinivas, CEO von Perplexity, antwortete auf X auf die Vorwürfe des Forbes-Redakteurs John Paczkowski. Die "Pages" hätten noch "raue Kanten", das Feature werde sich mit der Zeit und dem Feedback verbessern.

"Wir stimmen zu, dass die beitragenden Quellen prominenter hervorgehoben werden sollten und werden dieses Feedback bei der Weiterentwicklung des Produkts berücksichtigen", schreibt Srinivas.

Perplexity achte auf die korrekte Zuordnung von Inhalten und zitiere Quellen zuverlässig und prominent, was die meisten anderen Chatbots bislang nicht täten.

Im Kernprodukt, der Perplexity-Suche, seien die Quellen besser sichtbar, so Srinivas. Dennoch dürfte ein Produkt wie Perplexity - oder auch Googles AI Overviews - den Traffic auf Webseiten drastisch reduzieren, wenn es sich am Markt durchsetzt.

Empfehlung

Srinivas hatte Forbes zuvor gesagt, das Web sei frei und jeder könne es durchsuchen. Perplexity mache nichts anderes als andere Nachrichtenseiten, die journalistische Primärquellen zitieren.

Diese Aussage lässt vermuten, dass Srinivas Journalismus und sein eigenes Produkt nicht verstanden hat. Beim journalistischen Zitieren oder Kuratieren geht es darum, dass Menschen Entscheidungen darüber treffen, welche Themen in welchem Umfang verbreitet werden und damit eine Pluralität von Perspektiven erzeugen. Auch das Nicht-Aufgreifen einer Nachricht ist eine solche Entscheidung.

Zudem erhebt kein zitierendes News-Outlet den Anspruch, die einzige Plattform zu sein, die alle Fragen beantwortet. Ein Anspruch, den Perplexity erst kürzlich mit dem Werbespot "The Know-It-Alls" in den Werbeunterbrechungen der NBA-Finalspiele unterstrichen hat.

Medienunternehmen müssen auch Verantwortung für ihre veröffentlichten Inhalte übernehmen. Hier zeigen Perplexity und Co. wenig Ehrgeiz und verweisen stattdessen auf die Verantwortung der Quellen - wie es eben gerade passt.

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Um rechtliche Probleme zu vermeiden, könnte Perplexity versuchen, Webinhalte in größerem Umfang umzuschreiben. Damit erhöht das Unternehmen jedoch das Risiko von Halluzinationen und Fehlinformationen.

Das grundlegende Dilemma von KI-Suchmaschinen

Der Fall zeigt ein grundlegendes Dilemma von KI-Suchmaschinen: Um möglichst erfolgreich zu sein, müssen sie das Web überflüssig machen. Gleichzeitig leben sie von dessen Inhalten. Diese Gleichung geht nicht auf.

Auch prominentere Quellenangaben, wie sie Perplexity jetzt ankündigt, werden an den niedrigen Klickraten auf die verlinkten Seiten nichts ändern. Es ist ein Pflaster auf eine klaffende Wunde.

Warum sollten Nutzer noch auf die Medien klicken, wenn die Inhalte bereits gebündelt auf der KI-Plattform zur Verfügung stehen? Bisher hat noch kein Chatbot-Anbieter Daten über Link-Klicks veröffentlicht, und dafür wird es gute Gründe geben.

Noch fragwürdiger ist das Vorgehen von Google bei seinen AI Overviews: Vermutlich um Rechtsstreitigkeiten und Lizenzkosten mit Verlagen zu vermeiden, kopiert der Konzern häufig Inhalte von Reddit-Nutzern oder unbekannten Seiten, wohl weil er dort wenig Widerstand vermutet. Seit Monaten hat Google Reddit systematisch in der Google-Suche aufgewertet und Millionen in die Plattform investiert, um diese Strategie vorzubereiten.

Denkwürdig ist in diesem Zusammenhang ein kürzlich veröffentlichtes Interview mit Google-CEO Sundar Pichai, der keine Antwort wusste, als er mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass eine Google-KI-Zusammenfassung den Inhalt einer Webseite fast Wort für Wort wiedergab. Das zeigt, wie getrieben, destruktiv und wenig durchdacht das Vorgehen der KI-Suchunternehmen derzeit ist. Hauptsache schnell.

OpenAI hat dieses Dilemma erkannt und geht einen anderen Weg: Die Firma hinter ChatGPT geht Partnerschaften mit ausgewählten Verlagen ein. Deren Inhalte werden in ChatGTP bevorzugt angezeigt und verlinkt - und von OpenAI bezahlt.

Trotz der Lizenzierung ist das Vorgehen von OpenAI jedoch problematisch. Denn sollte sich das KI-Suchprodukt durchsetzen, macht sich OpenAI zum Herrscher über die Medienvielfalt.

Das Unternehmen entscheidet dann, welche Medien von Partnerschaften und damit von Traffic und Werbeeinnahmen profitieren - und welche leer ausgehen und möglicherweise vom Markt verschwinden. Die Verlage werden weiter entmachtet.

Letztlich müssen sich Gesetzgeber und Gerichte mit diesen komplexen Fragen auseinandersetzen. Klar ist: Wer den Zugang zu Informationen technisch kontrolliert, hat enorme Macht. Das hat Google in den vergangenen Jahren unter anderem mit Produkten wie Google News und Google Discover gezeigt, die einen enormen Einfluss auf das Publikationsverhalten von Verlagen und damit auf unser Informationsökosystem haben.

Die Chatbot-Schnittstelle, die praktisch das gesamte Internet zu einem Produkt von Google, Perplexity, Microsoft oder OpenAI macht, verschärft die Problematik. Die Politik sollte daher handeln, bevor sich das Nutzerverhalten auf eine neue Plattform konzentriert.

Es braucht eine Debatte darüber, wie ein nachhaltiges KI-Ökosystem aussehen kann, das journalistische Arbeit wertschätzt und nicht ausbeutet, und einen fairen Interessenausgleich zwischen KI-Unternehmen, Medien und Öffentlichkeit.

Derzeit betrachten die KI-Unternehmen das offene Web als ein reich bestelltes Feld, das sie nach Belieben ernten und weiterverarbeiten können, weil es angeblich niemandem gehört. Das stimmt nicht.

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Zusammenfassung
  • Das KI-Start-up Perplexity kopiert für sein neues Feature "Perplexity Pages" teilweise wörtlich Inhalte von Medien wie Forbes, CNBC und Bloomberg, ohne die Quellen ausreichend zu kennzeichnen oder zu verlinken.
  • Der Fall verdeutlicht ein Dilemma von KI-Suchmaschinen: Um erfolgreich zu sein, müssen sie das Web überflüssig machen, auf dessen Inhalte sie gleichzeitig angewiesen sind. An den niedrigen Klickraten auf Originalseiten würden auch prominentere Quellenangaben nichts ändern, wie sie der Perplexity-CEO verspricht.
  • Es braucht Regulierung und eine Debatte darüber, wie ein nachhaltiges KI-Ökosystem aussehen kann, das journalistische Arbeit wertschätzt. Derzeit betrachten KI-Firmen das Web als frei verfügbares Feld, das sie beliebig abernten können.
Quellen
Online-Journalist Matthias ist Gründer und Herausgeber von THE DECODER. Er ist davon überzeugt, dass Künstliche Intelligenz die Beziehung zwischen Mensch und Computer grundlegend verändern wird.
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